Zum Kalenderblatt: 23. Mai/Weidemond 1945: Provisorische Reichsregierung verhaftet / Teil 2/3

„…Bei der gleichzeitigen Untersuchung des Gepäcks, die ohne unser Beisein erfolgte, wurden neben einigen Schriftstücken, deren Abnahme für dienstlich notwendig erachtet wurde, eine Reihe rein pri­vater Gegenstände wie Aktenmappen, Füllhalter, Photos von Angehörigen und dergleichen entwendet. Der Feldmarschallstab des Großadmirals, so­wie sein Interimsstab, Abzeichen die ebenso zu seinem Rang gehörten wie die Schulterstücke zu jedem Offizier, wurden gleichfalls abgenommen. Angesichts des besonderen Wertes dieser beiden Stäbe zweifle ich, ob sie einen dienstlichen Weg genommen haben. Sicher ist jedenfalls, daß in den vorangegangenen vierzehn Tagen es ein leichtes gewesen wäre, diese Dinge vor dem Zugriff der Sieger zu retten. Aber auf den Gedanken der Abnahme, die ja auch nach Genfer Konvention unzulässig ist, waren wir vorher nicht gekommen, wie überhaupt die Gesamtbehandlung von diesem Tage an nach militärischen Begriffen von Ritterlichkeit gegenüber dem ge­fangenen Gegner nicht vorstellbar war. Nach etwa einstündiger Wartezeit der Halle des Gebäudes wurden, ebenfalls unter schwerer Bewachung, Reichsminister Graf Schwerin von Krosigk mit den Mitgliedern der Geschäftsführenden Reichsregierung` und Generaloberst Jodl mit den Spitzen des OKW eingeliefert. Von ihnen erfuhren wir den Ablauf der Ereignisse im Regierungsgebäude. Mit einem militärischen Aufwand an Panzern, In­fanterie und Militärpolizei, der in keinem Verhältnis zu der zu lösenden Aufgabe stand, war die Enklave umstellt worden … Es sollte … ein Schauspiel geboten … werden. Die Soldaten der 11. englischen Panzer­vision spielten diese Rolle jedenfalls ebensogut wie der vorhin erwähnte englische Captain im Hause des Großadmirals. Ihr Benehmen überraschte umso mehr, als der Name dieser Division auch in der deutschen Wehr­acht einen guten Klang hatte und der Büffel auf dem Oberarm als Zeichen einer tapferen und anständigen Truppe galt. Da auch der Leiter der Gesamtaktion, der englische Stadtkommandant von Flensburg, Briga­dier Churcher, sich vorher als korrekter Verhandlungspartner gegenüber den deutschen Dienststellen gezeigt hatte, muß angenommen werden, daß über die Form der Verhaftung höhere Weisungen vorgelegen haben … In das Regierungsgebäude platzten kurz nach Beginn der Sitzung mit gezogener MP und Handgranaten bis an die Zähne bewaffnete englische Soldaten in den Saal. Erste Maßnahme: Hände hoch!` Zweite Maßnahme-. Hosen herunter!` Und dann wurde die vorhin angedeutete Untersuchung, die mit uns wenigstens einzeln vorgenommen worden war, in Corona durchgeführt Der Vollständigkeit halber muß erwähnt werden, daß diese Behandlung auch einigen im Hause anwesenden Sekretärinnen und Offi­zieren zusammen widerfahren sein soll. Ich halte auch diese mir glaubhaft berichteten Vorkommnisse für erwiesen angesichts von Aufnahmen, die er dieses Decolleté in alliierten Zeitungen erschienen sind mit der Be­merkung, man habe das Herrenvolk in den Betten überrascht. Danach wur­den alle Insassen des Hauses in unwürdiger Form auf dem Hofe zusam­engetrieben, wo sie übermäßig lange mit erhobenen Armen stehen mußte­n, dem Kreuzfeuer der Photographen, den Beleidigungen der Soldaten den neugierigen, aber mit dieser Behandlung offenbar nicht einverst­andenen Blicken der Bevölkerung ausgesetzt. Nach langem Hin und Her durften die für den Abtransport vorgesehenen Herren unter Bewachung ihr Gepäck holen, wobei sie feststellen mußten, daß alle Räume bereits gründlich durchsucht waren. Man trug nicht einmal Bedenken, die genomm­enen Uhren, Radios und sonstigen Wertgegenstände unter den Augen der Eigentümer fortzuschaffen. Nach Einlieferung in das Polizeirevier fand erneut die eingehende Untersuchung` auch des Gepäcks statt. Für das, was wirklich geschah, prägte Jodl die Bezeichnung organisierte Plünderung‘.

Angesichts der Ereignisse sah ich keine Möglichkeit, ihm zu widerspre­chen … Der entehrenden Behandlung`, die (Admiral) von Friedeburg be­fürchtet hatte, hat er sich allerdings auch durch den Tod nicht entziehen können. Seine Leiche wurde geplündert. Für diesen Vorfall ist später eine offizielle Entschuldigung – m.W. die einzige – von englischer Seite erfolgt.“

Nach einem anderen Berichte ist noch eine zweite Entschuldigung er­folgt durch den Leiter des britischen Rundfunks bei Schwerin-Krosigk, der ihm antworten ließ, daß er sich für das englische Volk geschämt habe…“

Aus: „Warum, woher, aber wohin?“ von Hans Grimm

Teil 1:

https://deutscheseck.wordpress.com/2011/05/23/23-mai-1945-provisorische-reichsregierung-verhaftet-teil-13/

Über Gerhard Bauer

Sechziger aus dem Südosten Bayerns, gebürtiger Niederbayer. Bayer mit Leib und Seele. Ehemaliger treuer CSU-Wähler. Freizeitbeschäftigung: Lesen, Radeln, Garteln und Fischen. E-Post: bayern71 (at) outlook.com
Dieser Beitrag wurde unter Geschichte, Kalenderblatt abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Zum Kalenderblatt: 23. Mai/Weidemond 1945: Provisorische Reichsregierung verhaftet / Teil 2/3

  1. KW schreibt:

    Wenn auch höhere Weisungen vorliegen, sollten sich die Tentakel des jeweiligen Systems überlegen, ob sie die angewiesenen Handlungen auch mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Die jetzt das Tragen des Maulkorbes in Geschäften lautstark einfordern, die ihre Landsleute von Ämtern aus schikanieren, die als Polizist alte Omis und junge Mädels über Plätze schleifen, weil sie Grundrechte einfordern, machen sich zum Büttel ihrer Auftraggeber und sind damit Täter. Jeder sollte sich dessen bewußt sein, daß er damit dieses Unrechtssystem stützt und am Leben hält. Dafür wird es dann später auch keine Entschuldigung geben.
    Als Engländer hätte ich mich auch für diese Szene geschämt. Als Offizier erniedrigt und beraubt man den Gegner nicht. Das tun Ganoven oder Psychopathen oder beides.

    Die Behandlungsweise der letzten Reichsregierung findet sich in keinem Schulbuch, ein Beweis, daß die Sieger bis heute ihre Finger im Spiel und unserem Land haben. Das erstemal las ich davon in dem CDU-Forum, in dem wir uns vor vielen Jahren kennengelernt haben, Gerd.
    Hans Grimm kann ich den werten Mitlesern nur wärmstens empfehlen. Gerd hatte ihn schon ziemlich oft zitiert und auf das Buch hingewiesen, aber ich hatte genug gelesen und ignorierte den Rat. Trotzdem kaufte ich es mir dann endlich nach jahrelanger „Bearbeitung“ vor einem Jahr und kann nur sagen, daß es für mich eine Offenbarung ist. Nie habe ich eine so sachliche und quellenreiche Schilderung der Zeit vor und nach den 2 Kriegen gelesen. Dagegen ist Thorsten Schultes Buch „Fremdbestimmt“ etwas für Leute ohne Zeit oder für Anfänger, die dann auch die UdSSR als Betroffene sehen wollen, was ich nicht kann. Bei Hans Grimm wirkt dazu noch die ausgefeilte Sprache. 2 meiner Stammtischkollegen haben es auf meinen Rat hin auch erworben und sind begeistert. Eine davon hat sogar ein Autogramm von Hans Grimm und Zeitungsausschnitte in ihrem Buch gefunden. Meins war für 5 Euro , 6. Auflage 1954, relativ neu.
    Interessant ist auch die Entstehung des Schuldkultes durch Bundespräsidenten, Politik, Medien und Kirche schon zur Zeit der Enstehung des Buches 1952. Man tastete sich zielorientiert, was verwundert, ganz langsam heran und in Salamitaktik, weil sich kein nennenswerter Widerstand bildete, artete das ganze bis heute aus.
    Ein schönes Restwochenende der Lesergeminde!

Kommentare sind geschlossen.