Zum Kalenderblatt 20. April/Launing: WARUM – WOHER – ABER WOHIN Teil 3

In dem Buche Aus Krieg und Frieden` gibt Hans Ulrich Rudel, der Flieger, folgenden Tagebucheintrag vom 2. Mai 1945 wieder: „Eine furcht­bare Nacht! Die Gedanken wühlen und wühlen. Sie kreisen um die Reste der stolzen Reichskanzlei, die noch vor wenigen Jahren die äußere Be­stätigung unseres Aufstieges war. Dort, eingeschlossen von einem Ring aus Feuer und Stahl, hat nun der Mann seinen Tod gefunden, der mich so oft mit seiner Anerkennung und mit seinem Vertrauen ausgezeichnet hat, und es tut mir bitter weh, daß ich ihm dieses Vertrauen so oft nur mit einem ,nein!` lohnen konnte. Um für Deutschland, für Europa, für die Welt ein für allemal mit dem Bolschewismus ein Ende zu machen, drang er in die Sowjet-Union ein, kämpfte noch siegreich unter den Mauern Moskaus, am Kaukasus und an der Wolga und wurde schließlich von dieser teuf­lischen Kombination der barbarisch-ursprünglichen Kraft Mütterchen Ruß­lands mit dem kühl rechnenden, weltrevolutionären Bolschewismus zurück­gedrängt auf ein paar Quadratmeter Berliner Erde, über denen jetzt be­stimmt auch schon Hammer und Sichel wehen … O, ich ahne, was jetzt kommt. Die Ratten und das Gesindel werden allenthalben aus ihren Löchern schlüpfen, werden frecher und frecher ihr Haupt erheben, werden ihre Stunde gekommen glauben und werden nur allzu bald die Unsichern zu sich herabziehen und die Aufrechten jagen. Sie werden nicht nur die Gestalt des Führers angreifen, sondern auch sein Werk, sein Lebensziel. Sie werden alles Große mit ihren entsetzlich kleinen Maßstäben messen und damit in ihre schmutzige Atmosphäre herabziehen. Ich habe als Junge einmal ein Buch von Emil Ludwig über Friedrich den Großen gelesen. Ich spüre den Ekel noch jetzt auf der Zunge. Das alles wird jetzt wieder­kommen…“

 

Der Freiburger Historiker Gerhard Ritter hat im Auftrage des ,Deutschen Instituts für Geschichte der Nationalsozialistischen Zeit` die von Dr. Henry Picker im Führerhauptquartier in den Jahren 1941 bis 1942 nachgeschriebe­nen Tischgespräche Hitlers` geordnet, eingeleitet und veröffentlicht. Die von Ritter zur Einführung` geschriebene Einleitung kommt nach Seiten abfälliger Beurteilung zu folgendem Schluß: „Freilich gibt es seit 1945 eine Hitler-Kritik neunmalkluger Literaten, die sich ihre Sache viel zu leicht machen. Es ist allzu billig, wenn man ihm die Lücken und leicht erkenn­baren Grenzen seiner Bildung nachweist. Es ist ungerecht, ihm einen Vor­wurf daraus zu machen, daß er sie sich auf ungeregeltem Wege selbst er­worben, sich aus vielfach fragwürdiger Literatur nur angelesen` hat, ohne kritisches Unterscheidungsvermögen, ohne sicheren, geschulten Geschmack, und daß er fast immer in Klischeebegriffen denkt. Die Lebensgesetze eines Volksführers und Machtpolitikers sind nun einmal andere als die der Bil­dungs- und Büchermenschen. Man sieht immerhin einen lebhaften beweg­ten Geist vor sich, der sich auf recht vielen Weideplätzen seine Nahrung sammelt, mit verblüffender oratorischer Gewandtheit und sprühendem Temperament davon zu reden weiß, von einem starken Gedächtnis unter­stützt, viele kluge Einfälle unter unreifen und verfehlten, ja wahnwitzigen, vorbringt und meist sehr wirksam, zuweilen schlagend zu formulieren ver­steht. Es ist doch wohl so, daß ohne eine gewisse Primitivität des Denkens ein so hohes Maß von Selbstvertrauen, von Glauben an die eigene Un­fehlbarkeit, wie es ihn emporgetragen hat aus der Tiefe des Proletariats bis zum Glanz eines Diktators über den Kontinent, gar nicht möglich gewesen wäre. Aber eben in diesem Glauben an die eigene Unfehlbarkeit, der ihm, dem Halbgebildeten, die politische Überlegenheit gab über alle hochgebildeten Skeptiker und Zauderer, über alle bloß klugen ,Realpoli­tiker`, der ihn befreite von der Last und Qual einer ständig wachen Selbst­kritik, der seiner politischen Bewegung ihren mitreißenden Schwung ver­lieh und die Massen ihm zutrieb – eben in diesem Glauben, der sich mit wachsenden Erfolgen zum Aberglauben, ja zur Besessenheit steigerte, lag auch sein und unser aller Verhängnis. Wohin trieb ihn sein Machtwille? ,Ich bin hier eiskalt: Wenn das deutsche Volk nicht bereit ist, für seine Selbsterhaltung sich einzusetzen, gut: dann soll es verschwinden`. Wer ist dieser Mensch, der ein so furchtbares Wort über die Lippen bringt? Menschliches Selbstvertrauen wird zur Vermessenheit, zum Frevel an der göttlichen Weltordnung, wenn es zur Selbstvergötzung führt, d. h., wenn es gar keine Verantwortung mehr vor dem Angesicht der Ewigkeit kennt, sondern nur noch vor der ,Geschichte`, also vor dem eigenen irdischen Ruhm. Wer sich Übermensch dünkt, in Gottähnlichkeit, wird zum Unmen­schen. Aus dieser Höhe gab es nur noch den Sturz in die dunkelste Tiefe. Den eigenen und den der Nation, die sich durch ihn hatte verführen lassen. . .“ Soweit der Historiker Ritter. Das von ihm erwähnte furchtbare Wort`, das in dem Tischgespräch Nr. 98 enthalten ist, wirkt im Zusammen­hang allerdings anders als im Hinweise des Professors.

 

Ein zweiter Historiker, der als alter Mann die Hitler-Zeit und den Zusammenbruch von 1945 miterlebte, Friedrich Meinecke, hat 1946 das ver­störte Buch Die deutsche Katastrophe` geschrieben. In dem Abschnitt ,Vom positiven Gehalte des Hitlerismus` findet sich folgende Aussage: „Wir suchten nach dem, was positiv sein könnte in Hitlers Werk und fanden auch einiges, was großen objektiven Ideen und Bedürfnissen unserer Zeit entsprach. Man könnte vielleicht noch dies und das hinzu­fügen und würde damit doch nur ein wohlarrangiertes Schaufenster etwas aufputzen, das dem Betrachter einige recht gute und preiswerte Waren an­bietet, ihm aber nicht die Bürgschaft gibt, sie im Laden auch wirklich zu er­halten. Denn innen ist es dunkel, und ein finsterer Abgrund gähnt in der Tiefe, in den der harmlose Käufer unversehens stürzen kann. Hinter jeder an sich lobenswerten Einrichtung des Dritten Reiches stand ein Wille zur Macht von einer Beschaffenheit –die gigantisch im Ausmaß und seelenlos im Inhalt -, wie er etwa noch bei den Jakobinern von 1793 und den er­obernden Mongolenfürsten des Mittelalters zu finden wäre. Jeder Fanatis­mus dörrt die Seele aus, und fanatisch` war das Lieblingswort Hitlers für all sein Treiben. Der Macht an sich war dieser Fanatismus gewidmet, und alles Ideelle oder ideell Scheinende war ingeniös benutztes Mittel zum Zweck. Macht an sich aber heißt begehren, heißt nichts anderes, als sich selbst in den Mittelpunkt alles Lebens setzen. Bei Hitler endete das in dem fanatischen Kultus seiner selbst, in dem übersteigerten Glauben an seine Berufung durch das, was er in sehr egozentrischer Gesinnung die ,Vor­sehung` nannte. Hier mag man immerhin einen Einschlag von dem, was man prophetenhaftes Bewußtsein nennen könnte, anerkennen. Ich bin ja nur ein Staatsmann`, soll Mussolini bei ihrer ersten Zusammenkunft im Frühjahr 1934 in Venedig gesagt haben, aber Sie sind doch auch ein Pro­phet` . . . Es war eben zu viel ordinärer Ich-Geist in seiner Natur, um in ihm eine Persönlichkeit von höherem weltgeschichtlichem Range sehen zu können: Die bodenlose Eitelkeit, die geschmacklose Selbstverherrlichung, schließlich auch der sinnlose Raubbau, den er noch zuletzt, an die Reste seiner Macht geklammert, mit den letzten Kräften seines Volkes trieb, waren zu schwere Hypotheken, die auf seinem Wollen lagen. Napoleon L, mit dem man ihn in manchem vergleichen könnte, hatte wohl auch recht ordinäre und ich-hafte Wesenszüge. Aber sein Anteil an den objektiven Ideen seiner Zeit war größer als der, den wir bei Hitler anzuerkennen vermögen. Er war auch rationaler als Herrscher und hinterließ positive Schöpfungen, die sich geschichtlich bewährt haben. Hitler aber hinterläßt uns heute ein völliges Trümmerfeld … Aber“, heißt es in dem folgenden Abschnitt Hitlerismus und Bolschewismus`, „so hören wir jetzt manchen selbst unter den kritisch gegen Hitler Gerichteten uns einwenden: Gibt es nicht doch noch einen recht positiven Zug in Hitlers Wollen? Nämlich den Kampf gegen den Bolschewismus? Die Absicht, Deutschland und Europa vor ihm zu bewahren? Und wenn er darin scheiterte, war das nicht das Schicksal mancher geschichtlichen Persönlichkeit, deren großes Wollen, tragisch endend, uns doch ergreift? Es ist heute und hier nicht möglich, auf diese Frage, die wir selbst für fragwürdig und schief gestellt halten, erschöpfend zu antworten. Wir wissen zu wenig vom heutigen Rußland, um den Umfang der Gefahr zu sehen, die von ihm uns gedroht haben könnte. Lebt in ihm noch die Idee einer revolutionären Welteroberung oder hatten die Ziele sich gewandelt, hatte der Bolschewismus sich ge­wissermaßen nationalisiert und auf die Aufgaben konzentriert, das Riesen­reich in sich zu konsolidieren, Land und Volk auf eine höhere wirtschaft­liche Stufe zu heben? … „

 

Die zwölfte Aussage wurde im Jahre 1951 von Pierre Clementi, dem Gründer der freiwilligen französischen Legion` im Exil abgegeben; Cle­menti war 1948 in Paris als Collaborateur‘ in Abwesenheit zum Tode ver­urteilt worden. Seine Aussage enthält den Namen Hitler nicht, aber sie zeigt an, wie die traumhafte Sicht‘ des Mannes Hitler Menschen seiner Zeit bestimmte. Clementi schrieb: „Vor zehn Jahren, am 22. Juni 1941, hat unser Vaterland Europa, diese kleine Halbinsel der Zivilisation und der ‚         Kultur am Rande des unermeBlich weiten Asiens, zum Angriff auf die ge­waltige Sowjetmacht angesetzt; es fehlte nur wenig, und es hätte den Sieg erkämpft. An diesem Kreuzzug, den die Geschichte einmal, wenn aller kleinlicher Groll dahin ist, als eines der gewaltigsten Epen würdigen wird, nahmen die Armeen Deutschlands, Italiens, Finnlands, Ungarns, Rumäniens, Kroatiens und der Slowakei teil, sowie die tapferen Legionen der spani­schen, französischen, flämischen, holländischen, skandinavischen, baltischen und sogar russischen Freiwilligen. Und ihnen schlossen sich die mutigen Inder Sandra Bohses an und unsere Kameraden des freien Arabiens. Dies war der erste ernste Versuch, die Welt von einem Regime zu befreien, das alle Freiheit und alle menschliche Würde zerstört. Unser Unglück war es, daB wir verleumdet, verraten und zuletzt auch vernichtet wurden, nach einem verbissenen Kampf, den zu verlieren wir nicht verdient hatten. Aber die Völker, die uns bekämpften, beginnen zu begreifen, welchen Irrtum sie begingen und wieviel Unheil die Politiker stifteten, die sie auf diese Bahn des Verhängnisses drängten. Heute noch wagen es viele jener Gestalten, sich als die Vorkämpfer gerade der Politik zu deklarieren, bei der sie uns verrieten und immer noch mit der Schamlosigkeit krimineller Naturen weiter verraten. Die Beharrlichkeit solcher Haltung gegen uns beweist ein­deutig, daB sie lügen und daB sie mehr oder weniger heimlich die be­dachten Helfer des Kreml geblieben sind. Nach fünf Jahren des Kampfes mit der Waffe in der Hand an allen Fronten, nach fünf weiteren langen Jahren des Leidens unter der rücksichtslosesten Bedrückung und nachdem wir dabei unsere Kameraden fallen sahen, zuerst im Krieg, dann ohne Waffen in Gemetzel, am Galgen und auf dem Schafott, erheben wir uns und rufen allen Verrätern und allen Henkern und allen Nutznießern zu-. ,Beeilt Euch, zu verschwinden! Ihr seid entlarvt! Die Kräfte, die den Kampf entscheiden werden, kommen herauf … Der Tag des Gerichts bricht an‘.“

Noch einmal sei gesagt, diese zwölf Zeugnisse sind hier nicht einer Rechtfertigung oder Ablehnung willen wiedergegeben, sondern um darzu­tun, daß das Kapitel Hitler nicht abgeschlossen ist, sondern eine Sache für sich geworden ist. Die drängende Zeitenwende aber, die sich lange vor Hitler ankündigte, dauert, immer mehr drohend, fort.

Nicht wenige Wortmacher unserer Zeit werfen dem Manne Hitler nachträglich vor, daß er sich selbst den Tod gegeben habe, statt sich den Feinden auszuliefern. Mir will scheinen, durch diesen Freitod sei durch den gescheiterten Mann eine letzte mögliche Würde gewahrt worden, und zwar nicht nur eine Würde des Landes, als dessen anerkannter Führer er betrachtet wurde, sondern die Würde des immer mehr in Geglaubtheiten hinein verirrten ,Weißen Mannes` und Abendländers.

 

Über Gerhard Bauer

Sechziger aus dem Südosten Bayerns, gebürtiger Niederbayer. Bayer mit Leib und Seele. Ehemaliger treuer CSU-Wähler. Freizeitbeschäftigung: Lesen, Radeln, Garteln und Fischen. E-Post: bayern71 (at) outlook.com
Dieser Beitrag wurde unter Deutschland, Geschichte, Kalenderblatt abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.