Woanders gelesen: DEUTSCHES BLUT FÜR ENGLAND

Deutsche im Unabhängigkeitskrieg 1775-83

Vorspiel
Der 7-Jährige Krieg von 1756 bis 1763 war tatsächlich ein Weltkrieg, mit der Beteiligung aller Großmächte, sowie mittlerer und kleinerer Staaten. Schauplätze waren Mitteleuropa, Portugal, Amerika, Indien, Karibik und die Weltmeere. Preußen, Habsburg und Russland ging es primär um die Vorherrschaft in Mitteleuropa; England und Frankreich kämpften hauptsächlich um ihren Besitz in Nordamerika und Indien. In Deutschland und einigen östlichen Regionen, hinterliess der Konflikt die schlimmen Hungerjahre 1770 – 1771. Leere regionale Staatskassen und der sich ausbreitende Pauperismus, erleichterte die Rekrutierung sogenannter Leihsoldaten für Englands Zug gegen die nordamerikanische Rebellion.

Ursachen
Die ersten 13 Kolonien Englands an der Ostküste Nordamerikas rebellierten gegen eine ungerechte Handels- und Steuerpolitik (Navigation Act, Tea Act, Stamp Act Krise von 1765), sowie die Willkür einiger Gouverneure, und einer allgemeinen konstitutionellen Benachteiligung als Staatsangehörige Englands. Im April 1775 fielen die ersten Schüsse in Lexington und Concord. Der Krieg endete 1783 in einem Sieg der Rebellen bei Yorktown und dem offiziellen Friedensvertrag in Versailles (Treaty of Paris), dem ersten der 3 Friedensverträge an diesem Pariser Vorort.

Zuvor, fanden die Amerikaner die Argumente für ihren Widerstand gegen das Mutterland in der englischen Verfassung selbst, wogegen England sich auf die uralten Vorgänger dieses Dokuments berief. Da gab es also unterschiedliche Interpretationen der Rechte. Ab 1775 änderten die Rebellen ihre Ansicht und erstellten das Naturrecht und das Recht auf Widerstand als alleinige Basis, was in der Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 manifestiert wurde.

Deutsche Leihsoldaten
Neben dem Haus Hanover (Hannover), das von dem englischen König Georg III. mitregiert wurde, hatten 6 weitere Fürstentümer Nebenabkommen zur Unterstützung englischer Truppen: Braunschweig, Hessen-Kassel, Hessen-Hanau, Waldeck, Ansbach-Bayreuth und Anhalt-Zerbst. Insgesamt sammelten sich 30.000 Soldaten für den Kampf gegen die Amerikaner. Diese Koalitionen mit England richteten sich nicht direkt gegen die Sache der Revolution, sondern halfen den vom Krieg ausgebluteten Staatskassen.
Frankreich sah eine neue Chance gegen den Erzrivalen England zu ziehen und unterstützte die Freiheitskämpfer. Es beteiligte sich an dem Konflikt, durch eine Armee unter Comte de Rochambeau, mit 2500 Mann aus Zweibrücken, angeführt von Wilhelm und Christian Grafen von Forbach, und inklusive einem Battalion aus Trier. Diese Truppen kämpften vormals für Frankreich.

Die Soldaten kamen aus den untersten und ärmsten Schichten. Sie waren ahnungslos und unvorbereitet über die Zustände und Konditionen, die sie in Amerika erwarteten. Viele starben schon bei der Überfahrt oder desertierten dort bald nach ihrer Ankunft. Ein grosser Teil der Truppen war zwangsrekrutiert und stand bis zur Einschiffung unter Bewachung. Im März 1777 kam es zu einer offenen Meuterei unter den Ansbachern. Sie marschierten nach Ochsenfurt und sollten auf einer viel zu kleinen Anzahl an Fährbooten unter unerträglichen Zuständen weitertransportiert werden. Bei einem Aufenthalt über Nacht verweigerten die Soldaten Befehle der Offiziere. Nach einigen Warnschüssen wuchs die Rebellion und am Morgen, mehrere Tote und Verletzte später, war der Widerstand gebrochen. Friedrich von Schiller widmete dem Soldatenhandel und der Meuterei bei Ochsenfurt eine Rolle in seinem Trauerspiel (1784) „Kabale und Liebe“. In einem Akt heisst es: „…unser gnädigster Landesherr liess alle Regimenter auf dem Paradeplatz aufmarschieren und die Maulaffen niederschiessen. Wir hörten die Büchsen knallen, sahen ihre Gehirne auf das Pflaster spritzen, und die ganze Armee schrie: Juchhe, nach Amerika!“

Wirtschaftliche Folgen
Genaue Zahlen fehlen, aber mit einiger Sicherheit kann gesagt werden, dass kaum mehr als die Hälfte der ursprünglichen Anzahl der Rekruten nicht in ihre Heimat zurückkehrten. Dieses reiche, fruchtbare und wundervolle Land, mit seiner Freiheit und wirtschaftlichen Möglichkeiten begünstigte die Fahnenflucht. 12-14 Tausend fielen im Krieg. In Regionen mit einem besonders hohen Anteil von Leihsoldaten, hatte das Fehlen von Arbeitskräften und Einkommen von Ehemännern, Vätern und Söhnen verheerende Auswirkungen. Die Herrscher kümmerte es nicht. Im Beispiel Ansbach, zahlte England 40 Millionen Thaler für 2500 Soldaten und 6 Jahre Dienstzeit in Amerika. Für die einzelnen Fürsten waren der Soldatenhandel sicher ein Gewinn, für die Gesamt- Wirtschaft des Landes aber ein ökonomischer Verlust.

Ungeachtet ihrer katastrophalen Effekte, waren diese bilateralen Nebenabkommen mit Fremdmächten eine Jahrhunderte lange Tradition im imperialistischen Preussen. Der Schweitzer Pestalozzi schrieb: „Dass ein Fürst Tausende seiner Untertanen stückweise verhandle, um sie irgendwo totschiessen zu lassen, wenn damit Geld zu verdienen ist, wovon nachmahl Buhlerinnen und Müßiggänger unterhalten werden, das erlauben ihm die Menschenfreunde, aber dem Freiheit suchenden Pöbel verzeihen diese Menschenfreunde keinen Mord.
August Hermann Niemeyer dichtete in seiner Ode „An Deutschland, März 1778“:

Hat Albion nicht satt das Schwert geschwungen,
genug der Edlen hingewürgt.
Eu’r deutsches Blut, zu fremder Freiheitsschlacht gedungen,
mit Golde sich verbürgt?

Deutsche Öffentlichkeit
Der Revolutionskrieg war das am meisten berichtete Thema in den deutschen Zeitungen, zusammen mit dem bayrischen Erbfolgekrieg und dem Eintritt Frankreichs in den Aufstand der Amerikaner, 1775 – 1783. Die Informationen erreichten zunächst nur die obere Mittelschicht und Privilegierten, Personen mit Beziehungen zu den Kreisen der Macht und Zugang zu den 5 politischen Zeitungen, Journalen und Literatur. Die untere Schicht (ca. 50 Prozent konnten lesen und schreiben) erfuhr von der amerikanischen Situation durch die Briefe der Leihsoldaten und der späteren Heimkehrer.

An den deutschen Fürstenhöfen galten die Sympathien natürlich der englischen Regierung und die Rebellen galten als Opposition zur Ordnung. Bartolomäi schrieb in „Eroberung von Charlestown“:

„Nenn immer deinen Krieg gerecht,
er bleibt Rebellion;
Und bist du selbst im Grund ein Knecht,
für die Opposition.“

Prominente Deutsche pflegten schon längeren Kontakte mit amerikanischen Persönlichkeiten, darunter einige Führer der Revolution. John Quincy Adams and Thomas Jefferson durchreisten unsere Lande. Georg Christoph Lichtenberg war befreundet mit Benjamin Franklin. Dieser erlangte noch grösseres Ansehen in Deutschland als George Washington. Franklin war Präsident der American Philosophical Society, als Wissenschaftler hatte er einen weiten Ruf (Erfindung des Blitzableiter, der durch Lichtenberg in Deutschland Verbreitung fand). 1766 wurde er in die Göttinger Akademie der Wissenschaften aufgenommen.

Es gab nur sehr wenige Persönlichkeiten, die Amerika als zukünftige Grossmacht erkannten. Der Einfluss der kolonialen Mutter England war noch zu dominant; aber die Idee der Freiheit überragte alle anderen Ursachen der Revolution. In kultivierten Kreisen des Bürgertums, die beeinflusst waren durch Voltaire and Montesquieu, galt England als absolutes Beispiel des Liberalismus, bis zur Mitte der 1770er Jahre und diente öfter für deutsche Konzepte der Freiheit. Aber der Begriff behielt seine Unschärfe – seine bisherige Bedeutung basierte auf „Ordnung mit Privilegien“. Diese Haltung überdauerte noch in die gescheiterte deutsche Revolution 1848.
Goethe („Die Mitschuldigen“, Werke, 1780-83) schrieb:

Ja, ja, beim Glase Wein hört‘ ich wohl manchen prahlen,
er liesse Haut und Haar für meine Provinzialen:
Da lebt‘ die Freiheit hoch, war jeder brav und kühn,
Und wenn der Morgen kam, ging eben keiner hin“

Hauptquelle:
Germany and the American Revolution 1770-1800,
Horst Dippel, 1978

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Über Gerhard Bauer

Sechziger aus dem Südosten Bayerns, gebürtiger Niederbayer. Bayer mit Leib und Seele. Ehemaliger treuer CSU-Wähler. Freizeitbeschäftigung: Lesen, Radeln, Garteln und Fischen. E-Post: bayern71 (at) outlook.com
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Eine Antwort zu Woanders gelesen: DEUTSCHES BLUT FÜR ENGLAND

  1. Karl Eduard schreibt:

    „Die Soldaten kamen aus den untersten und ärmsten Schichten. Sie waren ahnungslos und unvorbereitet über die Zustände und Konditionen, die sie in Amerika erwarteten.“ . Das Beurteilen längst vergangener Zeiten aus heutiger moralischer Sicht oder von Schreibtischphilosophenn, die nie selber eine Flinte in der Hand hatten! (Nichts gegen den Blogwart.) Aber die untersten, ärmsten Schichten hatten zu dieser Zeit GENERELL keine Ahnung vom Soldatenleben.Sie ließen sich anwerben, um endlich Geld in die Hand zu bekommen, mit der Aussicht auf Beförderung oder Reisen und verlockt von den Schilderungen der Werber. Und gestern wie heute kümmert es die Herrscher nicht, wenn ihre Landeskinder für fremde Interessen hops gehen. Man glaubt ja immer, die Monarchien waren die Luder, weil die sich die Taschen füllten, mit dem Geld fremder Regierungen, ist es denn heute anders unter der Volksherrschaft? Unter der Demokratie? Da werden Landeskinder in alle Welt geschickt, mit der denkbar schlechtesten und vernachlässigten Ausrüstung. Juchhuuu, an den Hindukusch, juchhuu, nach Mali oder sonstwohin. Und wieder haben die Truppen keine Ahnung, was sie erwartet, weil sie wie damals, einfach nur verkauft werden. Kommen traumatisiert zurück und niemanden juckt es. Es gibt auch keinen Schiller oder anderen Jugendempörten, weil heutzutage Soldaten, gerichtlich bestätigt, als Mörder gelten.

    Ansonsten lese ich geschichtliche Beiträge immer gerne und als Literatur empfehle ich die PDFs bei Metapedia zum Thema Amerikanischer Unabhängigkeitskrieg

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