Woanders gelesen: Wo bleibt das Positive?

Wie komme ich darauf?

Nikolaus Fest hat unter dem Titel „Deutschland ist abgebrannt“ einen bitteren Kommentar geschrieben, der bei der Jungen Freiheit zu lesen ist.

https://jungefreiheit.de/debatte/kommentar/2018/deutschland-ist-abgebrannt/embed/#?secret=88oFtARHbL

In allem, was Fest in seinem Artikel aufspießt, hat er recht. Er spricht vom gescheiterten Rechtsstaat in Deutschland, von Korruption, von der maladen Bundeswehr, der darniederliegenden Bildungspolitik, der kaputten Infrastruktur, dem Verlust von Kreativität, Tüchtigkeit und Wissen in Naturwissenschaften und Ingenieurskunst  usw.

Er resümiert:

„Der Staat funktioniert nicht mehr, ob in Schul-, Bau- oder Sozialverwaltung, an der Uni, in Justiz oder Militär. Denn abhanden gekommen ist vielen das Bewußtsein, daß die eigene Leistung für das Gelingen des Staates wichtig ist. Alles ist nur noch ein Job, nichts mehr Berufung oder Dienst am Vaterland.“

Eine bittere Tatsachenschilderung.

Da kam mir das Gedicht von Erich Kästner in den Sinn und so wollte ich auch gerne fragen: „Wo bleibt das Positive … Herr Fest?“.

Nikolaus Fest ist Journalist, kommt von der Bildzeitung, die er wegen seiner Widerborstigkeit gegen den verordneten Zeitgeist verlassen musste und ist inzwischen als Politiker in Berlin bei der AfD gelandet.
Der angesprochene Artikel von ihm atmet ausschließlich Negatives. Keine Hoffnung – nirgendwo!
Das ist vielleicht seiner journalistischen Herkunft geschuldet, wo „only bad news are good news!“ als Arbeitsanweisung dient.
Fest ist Oppositions-Politiker. Und da ist es legitim und erforderlich, den Finger in die  Wunden zu legen.

Aber sollte man immer nur einen „Schüdderump“ hervorzerren, mit dem man all das Pestkranke auskippen will.

Jeder Politiker, der an die Schalthebel gelangen und wirklich etwas bewirken möchte, sollte, nein – er kann eigentlich nur auf einem positiven Urgrund aufbauen, wenn es zum Besseren gewendet werden soll. Und den sollte man suchen und finden.

Der Urgrund in Deutschland scheint mir nicht verloren. Denn es kann nicht sein, dass alles, was unsere Nation und das deutsche Volk groß gemacht hat, „der Deutsche Genius“, verschüttgegangen ist.

Kästner wählte die Satire für seine Notizen. Und das Gedicht aus dem Jahr 1930 wähle ich mal als Quelle für eine Reflexion. Kästner formulierte Sätze, die wieder auf der Höhe der Zeit scheinen und die drohende Katastrophe ansprechen:

Und immer wieder schickt ihr mir Briefe,
in denen ihr, dick unterstrichen, schreibt:
»Herr Kästner, wo bleibt das Positive?«
Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt.

Noch immer räumt ihr dem Guten und Schönen
den leeren Platz überm Sofa ein.
Ihr wollt euch noch immer nicht dran gewöhnen,
gescheit und trotzdem tapfer zu sein.

Ihr braucht schon wieder mal Vaseline,
mit der ihr das trockene Brot beschmiert.
Ihr sagt schon wieder, mit gläubiger Miene:
»Der siebente Himmel wird frisch tapeziert!«

Ihr streut euch Zucker über die Schmerzen
und denkt, unter Zucker verschwänden sie.
Ihr baut schon wieder Balkons vor die Herzen
und nehmt die strampelnde Seele aufs Knie.

Die Spezies Mensch ging aus dem Leime
und mit ihr Haus und Staat und Welt.
Ihr wünscht, daß ich’s hübsch zusammenreime,
und denkt, daß es dann zusammenhält?

Ich will nicht schwindeln. Ich werde nicht schwindeln.
Die Zeit ist schwarz, ich mach euch nichts weis.
Es gibt genug Lieferanten von Windeln.
Und manche liefern zum Selbstkostenpreis.

Habt Sonne in sämtlichen Körperteilen
und wickelt die Sorgen in Seidenpapier!
Doch tut es rasch. Ihr müßt euch beeilen.
Sonst werden die Sorgen größer als ihr.

Die Zeit liegt im Sterben. Bald wird sie begraben.
Im Osten zimmern sie schon den Sarg.
Ihr möchtet gern euren Spaß dran haben …?
Ein Friedhof ist kein Lunapark.

(Besonders die letzten Zeilen möchte man gerne einem gutmenschlichen Zeitgenossen ins Poesiealbum kritzeln.)

Die Deutschen haben den ersten 30-jährigen Krieg überstanden und sie wurden danach die Schöpfer der „dritten Renaissance“ im 18. und 19. Jahrhundert. Die Deutschen haben auch den zweiten 30-jährigen Krieg von 1914 bis 1945 überstanden und sich wie Phoenix aus der Asche erhoben. Man wird auch den Mehltau der 68er „Revolution“ ebenso abstreifen, wie unsere Landsleute den „Real existierenden Sozialismus“ der DDR erstickten. Nicht alles Bewußtsein ist abhanden gekommen, von dem Fest spricht; davon bin ich überzeugt.
Es ist nicht nur historisches Potential vorhanden!

Oder bin ich zu blauäugig?

Denke ich an meine Kinder und Enkel, möchte ich mir aber die Hoffnung nicht nehmen lassen.

http://altmod.de/2018/08/wo-bleibt-das-positive/1685/

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Über Gerhard Bauer

Sechziger aus dem Südosten Bayerns, gebürtiger Niederbayer. Bayer mit Leib und Seele. Ehemaliger treuer CSU-Wähler. Freizeitbeschäftigung: Lesen, Radeln, Garteln und Fischen. E-Post: bayern71 (at) outlook.com
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3 Antworten zu Woanders gelesen: Wo bleibt das Positive?

  1. KW schreibt:

    Ich haber eben Deinen Beitrag bei altmod gelesen und das hier geantwortet, konnte dort aber meinen Kommentar nicht hinschicken, darum mache ich es hier ;.)

    Gerd, habe das eben bei Dir gelesen, war mit dem Hund unterwegs und dachte darüber nach. Der Autor und Du habt nur teilweise Recht. Wer das Schlechte aufzählt, zwingt den Rest, die Augen aufzumachen und den Dreck überall überhaupt zu bemerken. Welches Gebiet funktioniert hier denn noch? Kunst und Kultur? Sprache? Geschmack der Masse? Wo gibt es ein Gebiet, was Ästhetik ausstrahlt? Naturgesetze werden ins Gegenteil verkehrt. Die Masse muß den ganzen Dreck doch erst mal wahrnehmen, um dann zu reagieren, wenigstens den Wahn nicht mehr mitzumachen. Viele, meine Kinder, sind in den moralisch total versumpften 90ern großgeworden, hatten da ihre Pubertät. Die kennen nichts anderes, und trotzdem öffnet diese Generation gerade ihre Augen und weigert sich, Gift und Müll zu fressen und ebensolches zu lesen. Das war die eine Seite, die zweite ist das positive Denken. Der Bewußtseinswandel muß von der Masse kommen, daher ist Miesmachen von den Aufgewachten zu vermeiden. Es gibt noch intakte Bereiche, die man stärken und mit mentaler Kraft bereichern muß. Ich denke an die Kleinhändler, an Handwerker, Bauern, Gärtner, Manufakturen, die weltweit im Kommen sind. Auch einzelne Menschen, wie heute einen Mann beim Spaziergang, der mir das alles bestätigte, der alles selber macht mit seiner Frau. Wir machten uns gegenseitig Kraft und gingen zufrieden auseinander.
    Übrigens. in diesem Jahr ernte ich zum erstenmal richtig viele Zuccinis und Tomaten.

    • Gerhard Bauer schreibt:

      Servus Kersti,
      ich bin der Meinung, dass das ganze Aufklären etc. nichts oder nicht viel bringt. Wer Augen im Kopf hat der kann sehen, wer nicht sehen kann oder will, wird nichts sehen. Bei der ganzen „Aufklärerei“ treffen sich immer nur Gleichgesinnte oder ein paar politische Gegner die versuchen etwas Durcheinander rein zu bringen. Aber im Prinzip ist man unter sich und bestätigt sich gegenseitig.
      Entscheidender ist das Aufzeigen von Zukunftspersepktiven, daszeigen was man will. Kritisieren und schimpfen tun viele, da ist auch nicht viel dabei.
      Das andere ist, dass viele sich nur über Wasser halten können, da sie den Finger in echte oder vermeintliche Wunden legen und so eine Schar von Anhängern oder Gläubigen um sich scharen können oder wie im Falle der im Artikel genannten BILD-Zeitung sich mit Schlagzeilen Aufmerksamkeit und eine Leserschaft verschafft.
      In der Kritik sind sich viele einig, in dem was man will, nicht. Das aber ist der Knackpunkt.

  2. Bild am SonnTag schreibt:

    Die P€$tbEUle muß aufgeschnitten werden, wenn das Gift ausgeleitet, dann ist Heilung möglich.

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