Zum Kalenderblatt 23. Juli/Heuert: „Ultimatum“ an Serbien

„…Wenn diese komplizenhafte Apathie unbestraft fortdauern würde, – das wurde gewiß – würde da nie­mals etwas geklärt werden. Der Doppelmord würde ungesühnt bleiben. Die Schmähung der österreichi­schen Monarchie würde wie Spucke am Gesicht des alten Kaisers kleben.

Nachdem es drei Wochen lang zum Narren gehal­ten wurde, war es für Österreich unmöglich länger zu warten, um sein Recht zu fordern. Es war fast zu spät. Europa hatte eine vernichtende Reaktion erwar­tet. Nichts dergleichen passierte. Österreich hatte seine Zeit mit dem Abschätzen von Einzelheiten ver­tan. Die Lage beruhigte sich wieder, bald werden die Toten vergessen sein. Die Reaktion noch weiter auf die lange Bank zu schieben, wäre verhängnisvoll.

Da Belgrad offensichtlich entschlossen war, den von fünf seiner Landsleute verübten Doppelmord tot­zuschweigen, hatte Österreich keine andere Wahl, als Serbien ultimativ zu mahnen, eine öffentliche Unter­suchung zu akzeptieren, bei der – wie in alle Mord­untersuchungen – die Vertreter der Opfer die Mög­lichkeit zur Teilnahme hätten.

Diese Forderung entsprach lediglich dem elementar­sten Recht, aber Österreich wird sich erst nach unzähli­gen Ausflüchten entscheiden, sie klar auszusprechen.

Der Mord hatte am 28. Juni 1914 stattgefunden. Man schrieb jetzt den 23. Juli! Erst an diesem Tag wurde der österreichische Gesandte in Belgrad, Giesl, bei Paschitschs Amtssitz vorstellig, um ihm endlich ein Ultimatum seiner Regierung auszuhän­digen.

Das Ultimatum war scharf abgefaßt.

Das Gegenteil wäre erstaunlich gewesen. Es han­delte sich ja nicht um ein mit einem Bändchen ver­ziertes Kompliment, es ging um zwei Tote: den Kron­prinzen vom wichtigsten Reich Europas und seine Gemahlin, die unheimlich kaltblütig mit Revolver­schüssen umgebracht worden waren.

Nachdem Serbien mehr als drei Wochen ununter­brochen Ausweichmanöver praktiziert hatte, war es wichtig, ein für allemal klar zu sehen. Durch dieses Dokument verlangte die österreichische Regierung in erster Linie eine eindeutige Verurteilung des Attentats; zweitens, wollte sie auch eine ernsthafte Untersuchung, bei der Vertreter der österreichischen Justiz würden teilnehmen dürfen.

Warum auch nicht? Seit fast einem Monat hatte man nur zu gut gesehen, daß Serbien sich drückte, daß es von sich aus nie etwas untersucht hätte. Ganz im Gegenteil.

Die Beweggründe des serbischen Immobilismus (sic!) sind leicht zu erraten.

Aus Effekthascherei wird Paschitsch den beleidig­ten patriotischen Ehrenmann spielen: „Das ist nur unsere Sache. Niemals wird ein serbischer Offizier auf Befehl Wiens verhaftet.“

Der echte Grund war Panik. Paschitsch selbst wird an Dragomir Stefanowitsch, sein Schwiegersohn und gleichzeitig Generalsekretär im Außenministerium, eine verblüffende, vertrauliche Mitteilung machen, welche in den Memoiren von Stefanowitsch zu lesen ist: „Wenn wir der Untersuchung zustimmen, werden sie uns auf frischer Tat ertappen.“

Für das Serbien eines Paschitschs war eine Unter­suchung mit der Beteiligung des Nebenklägers, also Österreichs, unerträglich. Paschitsch war siebzig Jahre alt und die Macht schmeckte ihm. Er wollte keinen internationalen, auch nur indirekten Beweis seiner Mittäterschaft an dem Mord von Sarajevo, denn der hätte ihn zumindest gezwungen, zurückzu­treten.

Das österreichische Verlangen nach einer Unter­suchung war dennoch vernünftig. Selbst der Vatikan hatte eine solche für gut befunden. Diese Stellung­nahme des Papstes war vorbildlich: Das höchste Gewissen der Welt betrachtete das als berechtigt, was man später ein Ultimatum nennen wird.

Für Paschitsch aber, der nicht „auf frischer Tat ertappt“ werden wollte, war solch ein Ersuchen uner­träglich.

Noch unerträglicher war die Untersuchung für andere Leute, für Nicht-Serben, die hinter den Kulissen – wer hätte das gedacht! – die ganze Ope­ration angezettelt hatten! Eine objektive Unter­suchung hätte ihr Spiel entlarven können.

Mit dieser Gefahr konfrontiert, was tat Paschitsch? Man glaube es nicht: Er ist abgehauen!

Er hat gespürt, daß seine Lage dermaßen unhaltbar war, und keine andere Lösung gefunden, als auf der Stelle den Platz zu räumen und sich möglichst weit davonzumachen….“

Ein Auszug aus dem Buch „Die Verschwörung der Kriegstreiber 1914“ von Leon Degrelle. Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Druffel- Verlages, www.sudholt.de

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Über Gerhard Bauer

Sechziger aus dem Südosten Bayerns, gebürtiger Niederbayer. Bayer mit Leib und Seele. Ehemaliger treuer CSU-Wähler. Freizeitbeschäftigung: Lesen, Radeln, Garteln und Fischen. E-Post: bayern71 (at) outlook.com
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