Zum Kalenderblatt 20. Juli/Heuert: Stimmen zur Operation Walküre Teil 2/2

Guderians Gesamturteil zum Ergebnis des Attentates lautet in den Hauptteilen: „Das Ergebnis des Attentats ist furchtbar, wie immer man die Dinge auch betrachten mag. Ich selbst lehne den Mord in jeder Form ab … Abgesehen vom religiösen Grund muß ich aber auch feststellen, daß weder die innen- noch die außenpolitischen Voraussetzungen für das Gelingen des Staatsstreiches gegeben waren. Die Vorbereitungen waren völlig unzuläng­lich, die Auswahl der Persönlichkeiten für die wichtigsten Stellen unver­ständlich. . . . Natürlich wird immer wieder die Frage aufgeworfen, was geschehen wäre, wenn das Attentat gelungen wäre. Niemand kann das sagen. Nur eines scheint sicher: damals glaubte ein sehr großer Teil des deutschen Volkes noch an Adolf Hitler und wäre zu der Überzeugung ge­kommen, daß die Attentäter den einzigen Mann beseitigt hätten, der viel­leicht noch in der Lage gewesen wäre, den Krieg zu einem glimpflichen Ende zu bringen. Mit diesem Odium wäre das Offizierskorps, die Generali­tät und der Generalstab in erster Linie belastet worden, schon während des Krieges, aber auch hinterher. Der Haß und die Verachtung des Volkes hätte sich gegen die Soldaten gekehrt, die mitten in einem Ringen auf Leben und Tod durch den Mord am Oberhaupt des Reiches unter Bruch des Fahnen­eides das bedrohte Staatsschiff führerlos gemacht hätten. Daß unsere Feinde uns deshalb besser behandelt hätten, als es nach dem Zusammenbruch ge­schah, ist unwahrscheinlich. – Nun wird man fragen: was also hätte gesche­hen sollen? Da kann ich nur sagen: Es wird so viel vom Widerstand gegen das Hitler-Regime geredet und geschrieben. Wer von den noch Lebenden, den Rednern und Schreibern, die an Hitler hätten herankommen können, hat denn selber wirklich auch nur ein einziges Mal Widerstand geleistet? Wer hat gewagt, auch nur ein einziges Mal Hitler seine abweichende Ansicht mitzuteilen und gar Auge in Auge mit dem Diktator auf seiner Meinung zu beharren? Das hätte geschehen müssen! In den Monaten, in welchen ich die Lagevorträge und zahlreiche militärische, technische und politische Bespre­chungen bei Hitler erlebte, taten das nur sehr wenige Menschen, von denen leider nur die wenigsten noch unter den Lebenden weilen. Ich muß aber ablehnen, jene Leute Widerstandskämpfer zu nennen, die nur hinter den Kulissen getuschelt haben, daß sie anderer Ansicht seien, die nur andere Leute anzustiften versuchten. Hier scheiden sich die Geister . . .

Aus der Vielzahl der Urteile über das Attentat und seine Wirkungen soll neben Guderian an zwei Urteile erinnert werden. Da schrieb der Soldat Generaladmiral Boehm, der wie Guderian zu gegebener Zeit vor Hitler auf seiner Überzeugung beharrte: „Ich lehne die Tat des 20. Juli ab, weil sie sachlich betrachtet von völlig falscher Beurteilung der Lage ausgeht, außen­- wie innenpolitisch. Außenpolitisch war auch bei geglücktem Attentat keine andere Haltung der Siegermächte zu erwarten. Bereits im November 1939 hatte Churchill in einer Rundfunkansprache an das englische Volk gesagt: ,Dieser Krieg ist ein englischer Krieg, und sein Ziel ist die Vernichtung Deutschlands`. Man beachte: nicht Vernichtung des Nationalsozialismus`, sondern Vernichtung Deutschlands‘! Von da über Teheran, Cassablanca, Yalta, Morgenthau-Plan bis Potsdam führt nur eine Linie des Vernich­tungswillens. Man lese in Churchills Memoiren seine Unterredung mit Stalin (August 1942) über die bewußte Bombardierung der deutschen Zivil­bevölkerung, man lese Churchills zynische Rede über die beabsichtigte Zwangsvertreibung von Millionen Deutschen aus ihrer Heimat! Hitlers Tod 1944 hätte an dem Willen der Sieger, an ihrer Kriegführung und un­serem nationalen Schicksal nichts geändert. Innenpolitisch haben die Männer des 20. Juli die Mentalität des deutschen Volkes jener Zeit in seiner großen Mehrheit, vor allem die der jungen Frontsoldaten, völlig falsch ein­geschätzt. Auch bei einem geglückten Attentat war nichts anderes zu er­warten, als daß wir zu allem sonstigen Leid noch einen Bruderkrieg blu­tigster Art bekommen hätten. Nun wird gesagt, daß ein Zusammenbruch 1944 uns viel Blut und Opfer erspart hätte. Es erscheint mir müßig, Vor­aussagen zu machen über Entwicklungen, die nur durch wirklichen Ablauf erwiesen werden können. Da aber solches oft behauptet wird, möchte ich als wahrscheinliche Folge bezeichnen, daß der unzweifelhaft eintretende Bürgerkrieg mit schwersten blutigen Opfern den sofortigen Zusammen­bruch der Fronten und dadurch die Gefangennahme und Verschleppung von noch mehr Millionen deutscher Soldaten und Zivilisten nach dem Osten verursacht hätte, als ohnedies geschehen.“ Boehm ergänzt: „Ich halte für verächtlich alle jene, die Verbindung mit dem Feinde aufnahmen und Lan­desverrat begingen. Was bedeuten denn alle jene beschönigenden Worte wie ,Abstoppen des Krieges mit Hilfe der Gegner`, wenn man diese Phrasen in ihrer Hohlheit richtig erkennt und kennzeichnet? Sie bedeuten Unterstüt­zung des Feindes und seiner Kriegführung, sie bedeuten Beeinträchtigung und Sabotage der eigenen Kriegführung. Sie bedeuten den Tod eigener Volksgenossen. Und das ist der Kernpunkt: Es gibt wohl keine größere Macht­übertragung, als wenn ein Mann als Vorgesetzter Befehle erteilen darf, die den Untergebenen in den Tod führen können. Es gibt daher auch keine grö­ßere, ja heiligere Verantwortung, als wie sie ein Vorgesetzter für das Leben der Männer hat, die ihm anvertraut sind und die ihm vertrauen. Jeder Vor­schub durch Tat oder Duldung gegenüber dem Feinde, der die eigenen Kameraden besonders aber die Untergebenen gefährdet, ist Verrat und Verbrechen. Und der Vorgesetzte, insonderheit der Offizier, hat eher selbst zu sterben, als daß er etwas tut, was seine ihm anvertrauten Leute gefähr­det. Ebenso bindend gilt dieses Gebot für gleichgestellte Soldaten den Kameraden und für jeden Deutschen seinem Volke gegenüber. Nicht weni­ger abzulehnen und verächtlich sind aber auch jene, die zwar keine militä­rischen Geheimnisse dem Feinde auslieferten, die aber, wie es beschönigend heißt, geistige Verbindung‘ zu ihm und seiner Widerstandsbewegung hatten – die wußten, wo die Fäden dieses Widerstands liefen, ihn durch ihre Duldung ermutigten und stärkten, während eigene Kameraden und Untergebene im Kampf gegen die feindliche Widerstandsbewegung stan­den und starben. Solche Männer übten Landesverrat, mögen sie sich auch ihrer Haltung rühmen und deswegen geehrt werden.“ (Aus des General­admirals Boehm Aufsatz Der Eid` im Heft I/9 der Nation Europa`)

Das andere Urteil findet sich bei dem Widerständler` H. B. Gisevius. Es lautet nach Lenz Der ekle Wurm der deutschen Zwietracht‘ S. 55: „Am Morgen nach dem 20. Juli – beginnt die Tragödie des 20. Juli. Denn nicht das mißglückte Attentat, nicht der gescheiterte Putsch können als Tragödie empfunden werden, dazu ist zuviel Unzulänglichkeit am Werke, zuviel Unachtsamkeit, zuviel Unentschlossenheit, zuviel blinder Glaube an blinden Gehorsam. Nichts geschieht an diesem Tage ganz. Alles bleibt im Halben stecken. Alles sehen diese Offiziere kommen, die militärische Niederlage, sogar ihre eigene Katastrophe. Sie begreifen, daß es, so` nicht mehr weiter­geht. Sie ringen sich zu dem Entschluß durch, daß sie handeln müssen. Sie nehmen einen Anlauf. Aber dann springen die einen zu kurz, die andern legen mitten im Endspurt eine Pause ein. Wieder andere machen am Sprungbrett kehrt, und der Rest beweist hinterher schlüssig, daß man den Absprung nicht hätte wagen dürfen.“ Herr Gisevius, der eben zitierte Wi­derständler, ist der Mann, von dem das American Sociological Journal` in einem Aufsatz über die amerikanische Propaganda während des Krieges rühmt, er habe dem geheimen amerikanischen ,Office of Strategic Services` wiederholt Nachrichten von eminent strategischer Bedeutung` geliefert. –

 Wir im Binnenlande hörten erst notdürftig von den Umständen des Attentates, als die Untersuchungen einsetzten und die Schuldsprüche und grauenhaften Hinrichtungen folgten. Die meisten von uns begriffen, daß Todesurteile gefällt werden mußten, aber wohl kein unverwirrter Deut­scher begriff, daß Hochverrat und Eidbruch, dort, wo sie aus deutscher Ver­zweiflung erfolgt seien, mit Schmähungen und Erhängen vergolten werden müßten. Von der Summe des Landesverrates, der jahrelang vor dem Atten­tat und schon vor dem Kriege verübt worden war, erfuhren wir noch nichts, als die ersten schauerlichen Folgen des Attentats sich abspielten.

Vielleicht wäre ohne die unseligen Bonner Versuche, die verschiedenen ,Widerständler` in ihren Handlungen samt und sonders zu Helden zu erhö­hen, um den Mann Hitler in seinen Handlungen als den großen ursächlichen Schuldigen, ja Verbrecher, erscheinen lassen zu können, nicht die Spaltung in das deutsche Volk hineingerissen worden, die in unserer Zeit nach ganz unüberbrückbar erscheint. Bei dem Bonner Versuch spielte der an den Haaren herbeigezogene Remer-Prozeß des Jahres 1952 eine sehr unge­schickte Rolle, als der nicht eidbrüchige Offizier, der selbst Idealismus bei einzelnen Widerständlern von je anerkannte, verurteilt wurde wegen böser Nachrede an Toten, zu einer Zeit; in der die bösen Nachreden an dem Manne Hitler und seinen Mitarbeitern und an den Nürnberger Toten in völlig ungeniertem Gange waren und blieben. So hat denn nicht nur am zehnjährigen Attentatstage der Bonner Bundespräsident in der Freien Universität in Berlin eine auch an Schulen verbreitete Gedächtnisrede gehalten, die vor keiner Schmähung des toten Mannes Hitler und seines Wollens zurückschreckt, sondern diese selbe Rede ist im Sommer 1955, frei. von allen neuen Erkenntnissen, noch einmal staatlich, wohlaufgemacht, auf öffentliche Kosten in Lehranstalten der Westzone an die Schüler verteilt worden. Wozu? Um die deutsche Jugend bei einer künstlichen Geschichts­auffassung mit allen deren Folgen zu erhalten? Generaladmiral Boehm er­klärt in seinem oben erwähnten Aufsatz: „Ein gerecht denkender Franzose, Mitglied der Academie Fran(Zaise, hat den Satz geprägt: Die deutsche Schuld ist die moralische Bastion der Alliierten‘. Diese Bastion wurde von deutschen Stellen erst recht gestärkt! Deutsche Presse, deutscher Rundfunk und deutsche Politiker konnten sich jahrelang nicht genugtun, die deutsche Schuld -und nur sie allein – zu betonen; ihr politisches Flagellantentum war ebenso maßlos wie ihre Verblendung gegenüber den Folgen.“ Boehm schließt seinen Aufsatz Der Eid`: „Aus den Reihen jener, die den Verrat verteidigen, klingt heute manches versöhnliche Wort: Man solle endlich vergessen und Gegensätze überbrücken. Ich frage: Wie kann man Vor­gänge vergessen, die noch jetzt das deutsche Volk in tiefster Seele auf­wühlen? Wie kann man eine Brücke schlagen zwischen Begriffen, die sich gegenüberstehen wie Feuer und Wasser? Das ist unmöglich. Aber möglich und notwendig ist die Rückkehr zu jenen alten staatserhaltenden Faktoren, die die Voraussetzung jeder sozialen Gemeinschaft sind: Heiligkeit der Eidespflicht und Treue gegen das eigene Volk. Haben wir dieses Funda­ment des Denkens wiedergewonnen, dann möge Schweigen gebreitet werden über jene tragische Vergangenheit in der Hoffnung, daß eine neue Erörterung uns für immer erspart bleibt.“

Der englische Militärschriftsteller Liddell Hart, der nach der Gefangen­setzung der deutschen Generale im Jahre 1945 zu allen Zutritt bekam und dessen Buch The other Side of the Hill` ein sauberes und ehrfürchtiges Buch genannt werden könnte, vermerkt: „. . . am 20. Juli kam der Versuch, Hitler in seinem Hauptquartier in Ostpreußen zu töten. Die Bombe der Verschwörer verfehlte ihr Hauptziel, aber sie hatte schreckliche Rückwir­kungen auf die Schlacht im Westen in ihrem kritischen Stadium.“ Sie hatte die Rückwirkung auch auf die Abwehrschlacht im Osten.““

Aus „Warum, woher, aber wohin?“ von Hans Grimm, Klosterhausverlag

Das Buch ist derzeit leider nur noch im Antiquariat erhältlich. Es gibt allerdings für wenig Geld ungelesene Lagerexemplare, zugreifen, solange noch vorhanden.

Über Gerhard Bauer

Sechziger aus dem Südosten Bayerns, gebürtiger Niederbayer. Bayer mit Leib und Seele. Ehemaliger treuer CSU-Wähler. Freizeitbeschäftigung: Lesen, Radeln, Garteln und Fischen. E-Post: bayern71 (at) outlook.com
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