Zum Kalenderblatt 29. Juni/Brachet: Freiherr vom Stein über die wahren Jakobiner

11. An den Großherzoglich Sächsischen Staatsminister v. Gersdorff in Weimar.

10. Dezember 1817.

Jeder Beweis, den mir E.E. von der Fortdauer Ihres freundschaftlichen Andenkens geben, ist mir höchst schätzbar und erfreulich, denn er kommt von einem Manne, den ich wegen seiner ausgezeichneten Eigenschaften des Verstandes und Herzens verehre.

Ich stimme darin mit E.E. vollkommen überein, daß kein Grund war, die Versammlung [Fußnote] der jungen Leute zu verhindern; sie hatte einen guten und edlen Zweck; vaterländische Gesinnungen zu beleben und zu erhalten, dem läppischen Wesen der Landsmannschaften abzuhelfen – man hätte aber die jungen Leute entweder der Leitung ihres eigenen guten Verstandes und Ehrgefühls überlassen oder ihnen ein paar verständige, würdige, von ihnen geachtete Jenaische Professoren beiordnen, nicht aber sie dem Einflüsse von ein paar Toren wie Fries und Oken überlassen sollen, von denen der eine durch mystischen, metapolitischen, anarchischen Unsinn und der andere etwas feiner durch seine mündlich vorgetragenen demokratischen Skurrilitäten mehrere der jungen Gemüter aufregte und irreleitete!

Die Preßfreiheit ist ein schätzbares Gut, aber noch hat sie in Weimar wenig Schätzbares zutage gefördert, und die Gleichheitsapostel, die Herren Luden, Martin, Oken, Wieland usw., sind nicht zu Lehrern der Nation geeignet, sie tischen uns die schlechten Gerichte der französischen Demokraten auf, sie wollen alles nivellieren und die ganze bürgerliche Gesellschaft in einen großen, auseinandergeflossenen Brei auflösen. Preßfreiheit ist aber sehr verschieden von Lehrfreiheit, und nichts berechtigt den vom Staate berufenen öffentlichen Lehrer, Mord und Aufruhr und Zerstörung alles Alten und Herkömmlichen zu predigen, und ich würde Herrn Fries als einem ganz unreifen, hohlen, haltungslosen Schwätzer den Lehrstuhl verbieten!

Allerdings ist der Hauptgrund der Gärung in Deutschland in dem Betragen unserer Fürsten und Regierungen zu suchen. Sie sind die wahren Jakobiner, sie lassen den rechtlosen Zustand, in dem wir seit 1806 leben, fortdauern und reizen und erhalten Unwillen und Erbitterung, sie stören die Entwicklung und Fortschritte des menschlichen Geistes und Charakters, und sie bereiten den Anarchisten den Weg zum allgemeinen Untergang.

Wir können und dürfen auf den guten, verständigen Sinn des Volkes, unseres Adels, unseres guten Bürgerstandes und Bauernstandes zählen; möge es unseren sansculottischen Schriftstellern und unseren organisierenden Buralisten nicht gelingen, den ersten in den Kot zu treten, den zweiten durch das Patentwesen, den letzten durch Teilbarkeit der Höfe zu zerstören und alles in einen Brei von eitlen, Schriftstellerei treibenden Volksrednern und Glückspilzen und städtischem und ländlichem Gesindel und Tagelöhnern aufzulösen – hiergegen wird uns eine allwaltende und gütige Vorsehung schützen.

http://gutenberg.spiegel.de/buch/2123/12

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Über Gerhard Bauer

Sechziger aus dem Südosten Bayerns, gebürtiger Niederbayer. Bayer mit Leib und Seele. Ehemaliger treuer CSU-Wähler. Freizeitbeschäftigung: Lesen, Radeln, Garteln und Fischen. E-Post: bayern71 (at) outlook.com
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