Zum Kalenderblatt 29. Juni/Brachet: Ernst Moritz Arndt zum Tod von Karl Freiherr vom Stein

Karl Freiherr vom und zum Stein

Gestorben den 29. Junius 1831.

Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein war zu Nassau an der Lahn aus einem alten reichsritterlichen Geschlechte geboren. Der jüngste unter mehreren Geschwistern bestimmte er sich durch eigene Neigung und durch den Willen seiner Eltern frühe für eine wissenschaftliche Ausbildung, um sich durch sie für den künftigen Dienst des Vaterlandes zu bereiten. Lebendiger Eifer, hohes Streben, ernster Sinn und ebenso ernste Beharrlichkeit, die zuweilen fast wie Hartnäckigkeit erschien, offenbarte sich schon in dem Knaben. Daß so schöne Anlagen nicht in zu starken Selbstwillen oder gar in Trotz ausarteten, dafür sorgten eine ebenso verständige und geistreiche als fromme und christliche Mutter und eine um mehrere Jahre ältere Schwester2, die auf das Mutige und Gewaltige, das Gott in ihn gelegt hatte, das Milde und Christliche aussäeten; dafür sorgte ein treuer und gewissenhafter Lehrer, der ihn in den alten Sprachen und in dem, was von der Wissenschaft dem Alter des Knaben und des beginnenden Jünglings angemessen ist, gründlich unterrichtete. Auf diese Weise mit Vorkenntnissen wohl versehen [352] und von guten Beispielen und Lehren aus dem elterlichen Hause begleitet trat er im siebzehnten Lebensjahre in Göttingen zugleich in das Alter und in die Freiheit des Jünglings ein. Hier beschäftigte er sich vier Jahre vorzüglich mit den Studien des allgemeinen und des vaterländischen Rechts und der deutschen Geschichte und Staatsverfassung, worin er schon in der Heimat einen guten Grund gelegt hatte. Nach vollendeten Studien besuchte er die Hauptstadt seines Kaisers und die bedeutendsten deutschen Fürstenhöfe, um dem, was er bisher nur in den Schranken der Hörsäle und in der Einsamkeit des Studierzimmers geübt und gelernt hatte, in dem Spiegel des wirklichen Lebens irgend einen Mittelpunkt und eine Entscheidung für seine Zukunft abzugewinnen. Hierauf begab er sich, der Übung und dem Beispiel seiner Zeit gehorsam, für die weitere Ausbildung zu seiner Bestimmung nach Wetzlar, wo er etwa ein Jahr verlebte. Jetzt erging an den Jüngling, dem durch die Gunst von Familienverhältnissen und Glücksgütern nun auch mehrere Jahre Gelegenheit gegeben war, sich für sich selbst zu besinnen und umzuschauen, von seiten der Eltern die Forderung, seinen Beruf zu wählen. Diese als Reichsunmittelbare und Sendbarfreie durch alte Gewohnheit und treue Liebe zu ihrem Kaiser hingezogen, wünschten, daß auch der jüngste Sohn sich dem Dienste des österreichischen Hauses widmen möchte; aber in Deutschland, das nach dem langen Jammer des dreißigjährigen Krieges und dem sogenannten Zeitalter Ludwigs des Vierzehnten, dessen Pestilenz es genug empfunden hatte, wieder aufzuwachen und aufzuleben begann, war mit der zweiten Hälfte des Jahrhunderts in Friedrich von Preußen ein Gestirn aufgegangen, das alle edlen und großen Naturen in seine Bahn reißen mußte. Der Jüngling, die Verhältnisse und Entwickelungen der Zukunft gleichsam vorahnend, bestand auf dem Entschlusse, dem großen Könige zu dienen. Seine Eltern willigten ein. Demnach ward Karl vom Stein im Jahr 1780 zu Wetter in der Grafschaft Mark als Bergrat[353] angestellt. Da der Jüngling zu stolz war, irgendwo als ein Überflüssiger zu erscheinen, so arbeitete er sich mit Fleiß und Eifer in den Wirkungskreis hinein, den sein König ihm zunächst angewiesen hatte: bergmännische Studien und Reisen durch das deutsche Voterland, wenige Jahre später eine Reise durch Großbritannien, die er mit seinem Freunde, dem Grafen von Reden, nachherigem Minister des Verg- und Hüttenwesens, ausführte, machten ihn nicht bloß für dieses sein besonderes Fach immer tüchtiger, sondern vermehrten seine Kenntnisse und schärften und erweiterten seinen Blick für mancherlei Bedürfnisse, Verhältnisse und Geschäfte des öffentlichen Lebens, das er nun betreten hatte. So verfloß ihm eine lebenslustige und thatenkräftige Jugend; durch Arbeit, Tüchtigkeit und Biederkeit gewann er die Liebe und Freundschaft seiner Genossen und die Aufmerksamkeit und Achtung seiner Vorgesetzten. Unter diesen hat er mit Rührung und Dankbarkeit immer den Minister von Heinitz genannt als den Ansporner zu allem Guten und Tüchtigen und als den treuesten väterlichen Freund. Er selbst erwähnte in späteren Jahren dieser Zeit oft als der glücklichsten seines Lebens, worein freilich der ungeheure Ernst der französischen Umwälzung fiel, mit mannigfaltigen Unfällen des Vaterlandes, die bei anderer Leitung der Dinge vielleicht hätten abgewendet werden können.

Nach so glücklichem Anfange auf seiner Laufbahn ist er unter den Königen Friedrich Wilhelm dem Zweiten und Sr. jetzt regierenden Majestät Friedrich Wilhelm dem Dritten von Stufe zu Stufe in Westfalen an die Spitze mehrerer Regierungen und endlich an die Spitze der ganzen Civilverwaltung der Landschaft gestellt worden. Dies geschah in den Jahren seiner freudigsten Manneskraft, wo er Blücher an der Spitze der Kriegsmacht neben sich hatte, wo er in gesegneter Wirksamkeit, in der Liebe und Achtung der Landschaft und seiner Untergebenen und durch die Anziehung und Bildung wackerer und talentvoller Jünglinge zu künftigen [354] Geschäftsmännern sich glücklich fühlte. In diese Zeit fällt auch seine Vermählung mit der Reichsgräfin von Wallmoder Gimborn, zweiten Tochter des kurbraunschweigischen Generalfeldmarschalls, und der Antritt der väterlichen Stammgüter in Nassau und am Rhein. Auf diesem Felde wirkte er bis zum Jahre 1804, wo er in die Hauptstadt berufen ward um das durch den Tod des Herrn von Struensee erledigt Ministerium der Finanzen, des Handels und der Gewerb zu übernehmen. Es ist genug gesagt, daß er dieses in dem freien Geiste seines ausgezeichneten und verdienstvollen Vorgängers fortzuführen suchte. Nicht lange, und mit den Jahren 1805 und 1806 kam die Zeit der Verwirrung und des Unglücks. Stein nahm im Frühling des Jahres 1807 in Königsberg seine Entlassung und ging auf seine Güter am Rhein. Doch schon im Herbst desselben Jahres rief ihn sein König zurück und übergab dem Manne, dem alle Guten zutrauten, daß er nie am Vaterlande verzweifeln könne, die höchste Leitung der Geschäfte. Genug bekannt ist, was er für die Wiederherstellung des Vaterlandes gewollt und gewirkt, und wie er mit den besten Männern, namentlich mit dem stillen festen Scharnhorst, dafür gestrebt und gearbeitet hat: Aufhebung der Dienstbarkeit und Leibeigenschaft und was dazu gehört, Scheidung und Ablösung der grundherrlichen und bäuerlichen Verhältnisse, neue Städteordnung neue Kriegs- und Wehrordnung, Sprengung des Kastengeistes und Förderung des Gemeingeistes u.s.w. – Napoleon und seine Späher wurden aufmerksam auf die Arbeiten und Hoffnungen dieser Männer, Stein ward entlassen, der fremde Überzieher ächtete ihn und zeigte der ganzen Welt dadurch die Tugend des Verfolgten. Ein Jahr war er höchster Diener seines Königs gewesen. Dankbar hat er immer des offenen Vertrauens und des tapfern Beifalls erwähnt, die sein erhabener König ihm in jener verhängnisvollen Zeit gewährt hat. Er war von dem Gewaltigsten in die Acht gethan seine Güter waren mit Beschlag belegt; er suchte und fand [355] von 1808 bis 1812 in den Erbstaaten seines alten Kaisers im Elende eine Zuflucht.

Als sich im Sommer des Jahrs 1812 der übermütige Sieger und Eroberer gleich einem verderbendrohenden Schicksal gegen den Osten wendete, um Europas Unterjochung zu vollenden, berief der Kaiser Alexander den Minister vom Stein zu sich, damit er ihm für die eigenen und für Preußens und Deutschlands Angelegenheiten Ratgeber und Heller würde. Einige erzählen, dem Kaiser seien in jener verhängnisvollen Zeit Äußerungen und Prophezeiungen eingefallen, welche Stein vor dem Frieden zu Tilsit weissagend zu ihm gesprochen. Wie dem sei, durch einen eigenhändigen Brief, der für Stein unerwartet wie aus den Wolken gefallen war, lud der Kaiser ihn vertrauensvoll zu sich ein, und der Mann stand hinfort gleich sam wie eine Säule der Wahrheit und Stärke für seine Hoffnungen und Entschlüsse ihm zur Seite. Wie, wodurch und wofür in jenem großen Jahre 1812 in Rußland gestritten und gesiegt worden, das steht noch frisch in unserm Gedächtnis. Die Verfolgung des geschlagenen Napoleon, das rasche Vorrücken über die Weichsel, das Bündnis mit Preußen für Deutschlands Befreiung, die gewaltigen Schlachten, und endlich der Sieg bei Leipzig – in allem diesem war der Geist und der Rat und die Tugend dieses deutschen Mannes mit; sie waren und blieben mit und bei dem russischen Kaiser bis in Frankreich und bis in Paris hinein; und die Welt muß es nicht vergessen, daß sie dem Freiherrn vom Stein und der Beharrlichkeit des Kaisers Alexander in den Jahren 1812, 13 und 14 den Sturz der Napoleonischen Tyrannei und die Befreiung Deutschlands und auch die Befreiung Frankreichs von einem unerträglichen Joche am meisten zu danken hat. Wie aber der eine und das eine auf den andern und auf das andere in letzter Instanz wirkt, kurz, den letzten Grund der Dinge und Erfolge weiß Keiner, und also soll Keiner ihn nachweisen wollen. Stein selbst aber hat immer mit Freuden und mit dankbarer [356] Anerkennung des Mutes und der Zuversicht erwähnt, wodurch der Kaiser damals für die menschlichsten und großherzigsten Zwecke begeistert war.

Als Rußlands Heere Deutschlands Grenzen betraten, bald mit den preußischen verbunden, ward von Preußen und Rußland und dann auch von Österreich, als es dem Bunde beigetreten war, eine sogenannte Centralverwaltung eingesetzt, an deren Spitze man den Minister vom Stein stellte. Was er hier gewirkt hat oder nicht hat wirken können, mit welchen Hemmungen und Anstößen und Gegenstößen gegen seine besten Entwürfe er hier häufig zu kämpfen gehabt hat, bleibt künftiger weitläufigerer Darstellung und Ausführung überlassen und kann und darf kein Gegenstand dieser kurzen und flüchtigen Schilderung sein. Genug, durch manches, was zum Teil gering und unscheinbar deuchte und von dem Thäter und Bewirker immer am meisten verschwiegen worden, ward Großes bewirkt, wenn auch Größeres, was er gewünscht und beabsichtigt hatte, nicht erreicht worden ist. Nach der Einnahme von Paris und der Wiedereinsetzung der vertriebenen Bourbons wurden alle Verhältnisse umgestaltet und mehr und mehr verwickelt; es kam die Zeit, wo – um mit Blücher zu reden – die Schreibfedern zum Teil zerstören sollten, was die Schwerter gewonnen hatten. Dies stehe hier nicht als Beschuldigung der Handelnden, sondern als Andeutung des gewöhnlichen Laufs der menschlichen Dinge. Das aber haben selbst viele Gute nicht bedacht – denn der Tadel der Schlechten oder Unverständigen ist eher Lob – daß Steins Wirksamkeit nun ein Ende haben mußte. Denn viele haben ihn beschuldigt, er sei seit der Einnahme von Paris und auf dem Kongresse zu Wien für die Einrichtung und Gestaltung des wiedergewonnenen Vaterlandes nicht rüstig und thätig genug gewesen. Diese haben ihn aus Unkunde verurteilt, sie haben nicht gewußt, daß alle Möglichkeit seines Wirkens nur auf offenstem und geradestem Wege sein konnte. Er war mit [357] dem Jahre 1815 von der breiten Bahn der öffentlichen Geschäfte in den Privatstand zurückgetreten und hatte mit seiner Familie sein väterliches Stammerbe zu Nassau wieder bezogen, dankbar und froh um das, was wiedergewonnen war, traurend um das, was wohl mehr hätte gewonnen werden können, wenn Gott die Menschen und die Dinge anders gestellt hätte. Statt weiterer Erörterung genügen folgende Worte, die er im Schatten seiner zerfallenen Burg im Frühling 1816 aussprach: »Ja, lieber Freund, wir haben viel gewonnen, aber vieles sollte auch anders sein. Gott regiert die Welt und verläßt keinen Deutschen, und wenn wir treu und deutsch bleiben, so werden wir’s mit den Franzosen auch künftig wohl aufnehmen. Ich sehne mich heraus,« (fuhr er nach einigem Schweigen fort) »diese Welt ist einmal so, daß man auf der geraden Straße meist nicht vorwärts kann und doch auf der krummen nicht fahren soll. Es bleibt dabei: die Umstände und Verhältnisse stoßen und treiben die Menschen; sie handeln und meinen, sie thun es. Gott entscheidet.«

Seit dem Jahre 1815 hat der Selige noch ein halbes Menschenalter durchlebt und ist, teils aus richtiger Erkenntnis der obwaltenden Verhältnisse, teils weil er bei herannahendem Alter nur die Rüstigsten zum Dienst der Zeit berufen glaubte, Anträgen zu größerer Wirksamkeit, wobei er ein freies volles Handeln noch seinem Sinne und seiner Art unmöglich hielt (wie wir glauben, weise), ausgewichen; aber dem Vaterlande und den Pflichten, wofür er sich geboren glaubte, hat er sich, wie viel enger er seinen Kreis auch um sich schloß, doch keinen Augenblick entzogen. Und auch aus diesem Kreise, den er bescheiden sehr klein zu nennen pflegte, hat er immer in den weiteren Kreis des gesamten deutschen Vaterlandes hinauspulsiert, und so ist auch das Wirken seiner späteren Lebensjahre in vielfacher Hinsicht ein gesegnetes geworden. Wir werfen einen kurzen Blick auf diese seine sechzehn letzten Jahre:

[358] Die ersten beiden Jahre nach 1814 wandte er dazu an, sich selbst und sein gleichsam zerstreutes Leben und sein zerstreutes Haus wieder zu sammeln und zu bauen. Er wohnte wieder in Nassau, wo er geboren und erzogen war und im Schoße glücklicher und ehrwürdiger Eltern die reinsten und schönsten Jahre seiner Jugend verlebt hatte; er hatte seine Gemahlin und Kinder, welche Unglück und Elend treu mit ihm geteilt hatten, wieder um sich versammelt. Vieles war auch hier zu ordnen und wiederherzustellen. So ward der Blick oft rückwärts geführt in die Vergangenheit, aber der Mann, der die Gegenwart mit der ganzen Schwere ihres Unglücks und ihres Sieges auf seinen Schultern gefühlt hatte, lebte doch am meisten in ihr und wandelte mit den Gefühlen frommer Wehmut und stiller Anbetung über das, was Gott an ihm und an dem Vaterlande gethan hatte, hier unter den Erinnerungen seiner Kindheit umher. So entstand die Idee, seinem Schlosse einen alten deutschen Ritterturm anzubauen, den er mit Bildern und Denkmälern seiner Zeit füllen, worin er künftig wohnen, denken, schreiben, studieren, beten wollte. Dieses Werk ward mit der ihm eigenen Geschwindigkeit in wenig Jahren vollendet, von außen mit den Bildern der christlichen Kardinaltugenden und mit der Inschrift: Nicht mir, nicht mir, sondern deinem Namen gebührt die Ehre; von innen mit den Büsten und Bildnissen der Herrscher, Helden und großen Männer seines Zeitalters geschmückt. Hier hauste und wirkte er bei seinem Aufenthalt in Nassau am liebsten; hier zeigte er den Fremden vor allen mit dem größten Wohlgefallen das Bildnis seines früher heimgegangenen Freundes Scharnhorst, des Stillbereitenden und Thätigschaffenden. Die nächsten Jahre traf den schon alternden Mann der herbste Verlust in dem Tode seiner Gemahlin. Er machte, um seinen Schmerz zu zerstreuen, seinen erwachsenen Kindern die schöne Welt zu zeigen und auch, um möglicherweise an mehreren bedeutenden Stellen für einen höheren Zweck zu wirken, eine Reise [359] durch Südeutschland, die Schweiz und Italien. Dieser höhere Zweck war die Bereitung und Sammlung der Hilfsmittel zur deutschen Geschichte des Mittelalters, deren Denkmäler zu erhalten und endlich auf eine würdige Weise durch eine große Gesamtausgabe zum Druck zu fördern ihn mehrere Jahre beschäftigt, und wofür er keine Zeit, Arbeit und Geld gespart hat. Hiefür war er schon während seines Aufenthalts in Frankfurt thätig gewesen, wo er in dieser Zeit im Kreise gelehrter und gebildeter Freunde mehrere Winter mit den Seinigen verlebt hatte. Auch in diesem Streben fühlte er das ganze Vaterland und suchte viele andere für dasselbe zu begeistern; am mächtigsten und innigsten fühlte er es in einer glühenden Liebe und rastlosen Wirksamkeit für die preußischen Verhältnisse, weil er in Preußen den Halt und Kern Deutschlands und die Hoffnung der Sicherheit, Erhaltung und Fortbildung des gesamten Vaterlandes erblickte. So schien ihm sein Stammsitz Nassau nebst den darauf bezüglichen Verhältnissen wieder fast gleichgültig zu werden, und er wohnte hinfort am liebsten auf seinem Schlosse Kappenberg in Westfalen, einem schönen Besitze, den er gegen beträchtliche in den östlichen preußischen Landen belegene Güter sich eingetauscht hatte Dort fühlte er sich nun ganz heimisch, dort liebte er die Menschen und die Verhältnisse am meisten; es waren die Urenkel der alten tapfern und freiheitliebenden Sachsen, es war preußisches Land. Dort hatte er seine kräftigsten Jünglings- und Mannesjahre verlebt; dort hielten ihn die Erinnerungen der Vergangenheit und die Hoffnungen der Zukunft gefesselt. Und nicht müßig war er dort, oder als einer, der sich im Alter nur ausruhen wollte. Dieser Mann konnte nicht schlafen noch träumen, so lange es Tag war. Als großer Grundbesitzer, als Ratgeber, Freund und Nachbar des Bauers und Edelmanns, als Staatsrat in dem Staatsrate in Berlin, als bedeutender Grund- und Standesherr immer Vorsitzer und Leiter der westfälischen Ständeversammlung, als Mitglied der [360] evangelischen Gemeine Vorsitzer der westfälischen Synode – kurz als Mensch, Mitbürger, Staatsmann war er Förderer, Rater, Helfer, Ermunterer und Warner bis ans Ende.

Dieses Ende kam seinen Freunden unerwartet; obgleich er seit einigen Jahren einige bedenkliche Zufälle gespürt, obgleich das Alter seinen Leib geschwächt und gebückt hatte, so war der Geist doch sehr frisch und das Herz mutig wie immer. Die große Katastrophe, die der vorige Sommer für Frankreich und für ganz Europa gebracht hatte, erregte ihm vielfache Sorge um sein Vaterland, aber Furcht hat seine Brust nie erschüttert; und wäre wirkliche Gefahr gekommen, er würde kühn und rüstig wie ein Jüngling ihr entgegengetreten sein. Aber sein Ziel war gestellt, nach der Unpäßlichkeit weniger Tage machte am 29. Junius dieses Jahrs 1831 ein Lungenschlag auf Schloß Kappenberg seinem Leben ein Ende. Auch hier noch bewährte er sich in der alten Kraft und band seinen Abschied von der Erde sogleich fröhlich an den Himmel: im vollen Besitze des geistigen Bewußtseins und getrost seines Glaubens an den Erlöser ging er freudig in das bessere Dasein hinüber, mit solchen Worten und Ermahnungen an die Zurückbleibenden, daß sie für dieses irdische Leben zugleich gewarnt und ermutigt wurden. Sonderbar, daß er, der so oft den sehnsüchtigen Wunsch ausdrückte, recht bald aus diesem irdischen Gewirre erlöst zu sein, gerade für diesen Sommer manche Plane entworfen hatte, wie er mit seinen Freunden an den Ufern der Lahn und des Rheins in kleinen Reisen und Wanderungen gleichsam alle Spuren der frühesten Jugenderinnerungen wieder auflesen wollte. Gott wollte, er sollte die glücklichste Reise machen. Mit diesem Manne, den alle redlichen Deutschen mit Recht wie eine volle Wehr und Rüstung des Vaterlandes betrachtet haben, ist der Schild und Helm seines Mannsstammes mit ins Grab gelegt. Er hat nur zwei Töchter hinterlassen, Henriette, die Älteste, an den Königlich Bairischen Reichsherrn Grafen von Giech in Franken, [361] Therese, die Jüngste, an den Grafen Ludwig von Kielmannsegge in Hannover vermählt.

Über jeden öffentlichen Mann, der in bedeutendsten Verhältnissen und außerordentlichster Zeit gelebt und gewirkt hat, müssen die verschiedensten Urteile ergehen, zumal wenn seine ganze Persönlichkeit und Eigentümlichkeit ein sehr ausgezeichnetes Gepräge trug. Auch dies hat der Selige erfahren, um so mehr erfahren, je mehr die Zeit selbst in den schärfsten Gegensätzen steht. So ist es geschehen, und dieser in seinem ganzen Wesen Festeste und ihm selbst Ähnlichste ist wohl gar der Veränderliche und Ungleiche genannt worden, so daß die einen ihn als zu freisinnig, ja als neuerungssüchtig, die andern als zu aristokratisch gesinnt und das Alte vorliebend gescholten haben. Wir haben diesen großen und guten Mann gekannt mit seinen Tugenden und mit seinen Fehlern, die er nach dem Lose der menschlichen Gebrechlichkeit auch an sich trug. Auch er ist in der wechselvollen Zeit gleich andern Sterblichen mit Empfindungen und Ansichten oft hin und her bewegt worden, gewiß aber weniger als die meisten seiner Zeitgenossen; in seinen Gesinnungen und Grundsätzen aber ist er immer der Zuverlässige und Unwandelbare geblieben: was gut, tapfer, frei menschlich und christlich deutsch war, hat in Rede und That immer den wärmsten Freund, Verteidiger und Lober in ihm gefunden; und wann die Spur seiner äußern Wirksamkeit, seiner äußern Werke und Thaten durch die ewig fortwandelnde und verwandelnde Zeit einst meist verwischt sein wird, doch wird sein innerer Schatz, die Liebe, Treue und Hingebung für sein Volk und sein Vaterland, wird das Unsichtbare und Unbewußte, das unsterbliche, unvergängliche Abbild des geistigen Wirkens eines edlen und biedern Menschen, wie wir glauben und wissen, noch in dem Enkel und Urenkel des deutschen Volks fortleben und fortwirken.

Wir zeichnen zum Schlusse noch einige Züge, die eben den innern Menschen noch mehr andeuten sollen: [362] Gott hatte ein feuriges, gewaltiges, mutiges Herz in seine Brust gelegt, ihn mit einer raschen blitzschnellen Auffassung, einem kühnen geschwinden Verstande gerüstet: Geschwindigkeit, Kühnheit, Heftigkeit – das war er selbst. Er mußte fortstoßen, was ihm im Wege stand, niederreißen, was ihn in seinem Laufe aufhalten wollte – sehr schlimm, wenn diese großen aber auch gefährlichen Anlagen durch keine Anerkennung von Maß, Zucht und Ordnung geregelt gewesen wären. Vor nichts zurückbeben, geschwindestes Handeln, regestes Schaffen war sein Element. Daß der Inhaber einer so feurigen und heftigen Natur sich nicht oft geirrt und zuweilen überlaufen haben sollte, darf nicht geleugnet werden; aber Erziehung der Menschen und Führung Gottes hatten sein Gemüt früh auf das Edle und Wahre gerichtet und machten die Fehler eines solchen Temperaments meistens bald wieder gut. Wie er geboren war, hätte er, um im besten Sinne einer großherzigen Natur in freiester Wirksamkeit sich entfalten zu können, immer in den ersten Stellen stehen müssen. Den gewöhnlichen Künsten, wodurch geherrscht und gewirkt wird, hat er sich nie bequemen können. Des Widerstandes war er ungeduldig und begriff meistens erst spät seine Notwendigkeit. Widerspruch und Widerstreit der Gedanken und Worte hat niemond mehr gereizt und an Tüchtigen geachtet als eben er. In solchem Kampf der Geister, nur geschwind und mit kurzen Blitzhieben mußte er geführt werden, fühlte er sich ganz in seinem Elemente. Heftig, auch hart ist er oft gewesen, gegen die Heuchler und Schurken unerbittlich, gegen Schwache und Blöde zuweilen verletzend; auch Zorn hat ihn übereilt; Groll und Rache aber hat sein edler Mut nie gekannt, und den Guten und Braven, gegen welche er durch ein geschwindes Urteil oder ein rasches Wort je einmal gesündigt hatte, hat er laut oder still, durch Worte und mit dem Herzen, immer gern Wiedererstattung gethan. Wie sein ganzer Sinn in Deutschland und Preußen und in der Erinnerung und Hoffnung des[363] geliebten Vaterlandes lebte und webte, wie er dafür den letzten Tropfen von Leben und Vermögen jeden Augenblick freudig geopfert hätte, so war der starke und helle Stahl seines Charakters auch ganz deutsch ausgeschmiedet. An Wahrhaftigkeit, Redlichkeit, Offenheit hat kein Mensch ihn übertroffen; er sah und wandelte stracks und gerad vor sich hin. Das war sein Glaube, daß durch Wahrheit, Einfalt und Redlichkeit alle Dinge allein gewonnen werden sollen und erhalten werden können, und daß kein Weg, der irgend krumm sein muß, Segen bringe. Das war sein Spruch: Es darf nichts gethan werden, was nicht grad und offen gethan werden kann. Also: Offener Weg, hohe Zwecke und reine Mittel zu den Zwecken. Und einen solchen Mann hat ein verächtlicher französischer Geldfeilscher und Späher, Namens Bourrienne, sich erfrecht mit dem Argwohn zu beschatten, als sei er fähig gewesen, mit solchen zu zetteln, die auf schleichende Dolchstiche sinnen? Als ein Mann, dessen Luft im Schaffen und Hervorbringen bestehen sollte, sah er den Gegenstand, der ihn eben anzog, sogleich in seiner ganzen abgesonderten Schärfe, einzeln, eng, einseitig und meinte wohl anfangs oft, ihn auch so machen und ausführen zu können. Erst allmählich und bei ruhigerer Betrachtung erweiterte und vergrößerte er sich vor seinen Blicken und zeigte seine verschiedenen Seiten und Verhältnisse und die verwandten Beziehungen. So war er demnach bestellt, daß er nie von oben nach unten hinab, sondern immer von unten nach oben hinaufstieg, von dem Kleinen zum Großen, von dem Engen zum Weiten, vom Einzelnen zum Ganzen; die ideale Spitze der Dinge sah er erst, lange nachdem sie vollendet waren. Für alles, sobald es vollendet und fertig war, verlor er anfangs auch gänzlich die lebendige Teilnahme; es mußte gleichsam von der Zeit schon etwas berostet und bemoost sein, damit er den Sonnenschein einer idealischen Liebe darauf zurückwerfen könnte.

Seinen Stand und die Vorzüge desselben erkannte und [364] schätzte er; den alten deutschen Ritter, den weiland sendbar freien und unmittelbaren kaiserlichen Reichsmann fühlte er; auch teilte er manche Ansichten und Vorurteile seines Standes mit seinen Genossen; und wenn er in der neuen Zeit frisch gehandelt und gelebt hat, so hat er schon durch die Zeit, worein seine Jugendbildung gefallen, einem Alter angehört, von dessen Art und Sitte bei den in dem letzten halben Jahrhundert Gebornen begreiflicherweise kaum eine Ahnung sein kann. Er fühlte seinen deutschen Ritter und den Stolz auf graue Ahnherren, alten Besitz und altes Geschlecht, aber er hatte diesen Ritter auch idealisiert. Ihm sollte der Edelmann sein der Ewigrüstige, der Immergewappnete, der durch Rat und That für König und Vaterland Wirksame; ihm sollte der Landherr sein der tapfere einfache Landmann, der erste Bauer, ein Beispiel von Arbeit, Ordnung, Sparsamkeit, Zucht, mit der Hand und mit dem Kopf und mit allen seinen Kräften der Gemeine, dem Kreise und der Landschaft angehörend. Und so war, lebte und wirkte der Mann auch, streng in seinen Grundsätzen, einfach in seinen Sitten, enthaltsam und mäßig in seinen Genüssen, sparsam in seiner Haushaltung, im Kleinen schonend, gewinnend, erhaltend, damit er im Großen und für große Zwecke stets viel zu verwenden hätte. Den faulen oder den in Eitelkeit und Zwecklosigkeit sein Leben hindämmernden Mann, den, der unter dem Schatten der Arbeiten und Verdienste der Ahnen bloß des nichtigen Genusses pflegte, verachtete niemand mehr als er; den thätigen, brauchbaren, geschickten, ausgezeichneten Menschen jedes Standes sah der stolze Ritter in freudiger Anerkennung immer als seinen gebornen Gleichen an; ja so bescheiden war er, daß er sich jeden Augenblick unter jeden stellte, der ihn in irgend einer Sache oder irgend einem Geschäfte an Einsicht und Geschicklichkeit übertraf. Er hat immer nur das Achtungswürdige geachtet und selbst auf die Dinge, welche meist nur im Schein zu bestehen scheinen, immer den Glanz einer höheren Ansicht und eines edleren [365] Strebens gelegt. Hätten nur alle Edelleute solchen Ritterstolz! Wenn sein Leben durch Thatkraft und Handeln bedeutend gewesen ist, so war sein Wirken durch Geselligkeit und Mitleben in den gewöhnlichen menschlichen Kreisen und Verhältnissen, freilich auf eine unberechnenbare Weise, viel bedeutender. Er konnte von einer Lebendigkeit, Heiterkeit und Liebenswürdigkeit in der Unterhaltung und dem Wortgefechte sein, die alles Frische und Geistreiche mit einem unwiderstehlichen Zauber fortrissen, wenn aus der übersprudelnden Feuersülle sein blitzender Witz und seine übermütige Laune überströmten; in ernster Stimmung aber, wenn von hohen Verhältnissen und Angelegenheiten der Menschheit, wenn von Gegenständen der Religion und Tugend, wenn von dem Vaterlande und von seinem Heile geredet ward – mit welcher Macht ergoß sich dann dieses edle und stolze Gemüt für alles Schöne und Große, begeisternd für jeden, der irgend einen Funken dafür in sich trug! Bei diesen, bei so ernsten Unterhaltungen, erschien der ganze tiefe und wehmütige Ernst seines Wesens, das Hochtragische, das selbst in dem würdigsten Handeln und Wirken nimmer eine Genüge fand. Was geht hieraus hervor? Daß der Feurige und Starke doch auch ein sehr Milder und Weicher war, daß er, wie unten ein Mann des Mutes, so oben ein Mann des Glaubens war, daß in allem Irdischen und Menschlichen ihm trogisch immer die Endlichkeit und Vergänglichkeit vorschwebte. Daher war er in seinem innersten Wesen von Herzen demütig und bescheiden; daher hatte er den Glauben aller guten Menschen, daß der Mensch nichts könne ohne Gott, daß Gott die Welt regiere; daß auch der Weiseste und Größte wenig könne und ausrichte; daher war der Schmeichler und Heuchler, der Klügling und Dünkling, und jeder, der ruhmredig und ruhmthätig das Seine suchte und sich auf Künste der List etwas einbildete, vor ihm verloren. Ja, Stein glaubte an eine unsichtbare göttliche Weltregierung; er glaubte als ein frommer Christ an seinen [366] Erlöser und baute alle seine Hoffnung auf die durch ihn gewonnenen und verheißenen unvergänglichen Güter. Er war ein gläubiger und fester Christ; darum war er ein dankbarer Sohn, ein zärtlicher Gatte und Vater, ein treuer Freund, ein streng sittlicher Hausherr und Hausvater, ein rastlos thätiger und arbeitsamer Bürger – und durch diesen seligen Glauben und durch die hochstrebende und überweltliche Richtung seines Sinnes, die ihn in keinem Augenblick seines inhaltvollen Lebens verlassen hat, sind Eigenschaften und Anlagen, welche leicht in unbändigen Stolz und Trotz, und in übermenschliche Härte hätten ausarten können, für das Glück der Seinigen und das Heil des Vaterlandes zu allem Guten gewendet und zu fester Männlichkeit und würdiger Tapferkeit besänftigt und gemildert worden. Ewig daure das Gedächtnis des deutschen Biedermanns! Frisch stehe seine Tugend in dieser gewaltigen Zeit vor uns! damit wir wissen, wie wir handeln und leiden sollen, wann das Vaterland uns aufruft.

Fußnoten

1 Dieser kurze Nekrolog des würdigsten Mannes ward von mir in die Allgem. Zeitung Jahr 1831, Monat September eingerückt, und scheint mir noch der Erhaltung wert.

2 Die einzige seiner Geschwister, die ihn nur wenige Monate überlebt hat. Sie war Äbtissin des freien Fräuleinstiftes zu Homberg in Hessen, in vielfacher Beziehung ein Vorbild und Abbild seines Wesens in weiblicher Natur.

http://www.zeno.org/Literatur/M/Arndt,+Ernst+Moritz/Autobiographisches/Erinnerungen+aus+dem+%C3%A4u%C3%9Feren+Leben/Zugabe?hl=freiherr+vom+stein

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Über Gerhard Bauer

Sechziger aus dem Südosten Bayerns, gebürtiger Niederbayer. Bayer mit Leib und Seele. Ehemaliger treuer CSU-Wähler. Freizeitbeschäftigung: Lesen, Radeln, Garteln und Fischen. E-Post: bayern71 (at) outlook.com
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