Zum Kalenderblatt 25. Juni/Brachet: Geburtstag von Heinrich Seidel

Ermunterung

(Phylax an Karo)

Ein Thor, der sich mit Grillen plagt
Und winselt ob der Zeiten Schwung.
Mein Sohn, du hast genug genagt
Den Knochen der Erinnerung!

Dem dient die Welt, der nie verträumt
Die rechte Zeit, den rechten Ort!
Das schnelle Glück ist bald versäumt:
Zuschnappen! heisst das Zauberwort.

http://gutenberg.spiegel.de/buch/heinrich-seidel-glockenspiel-8211-gesammelte-gedichte-3738/2

Was bleibt?

Ach, was bleibt? – Ein kleiner Hügel,
Drüber mit dem leichten Flügel
Froh ein Sommerfalter fliegt,
Und das Gras im Wind sich wiegt.
Eine Weile Angedenken
Mag man wohl dem Schläfer schenken,
Bald weiss Niemand, wer da liegt.

Manche, die der Ruhm erhoben,
Hört man ein Jahrhundert loben
Oder ein Jahrtausend lang,
Bis auch sie die Zeit verschlang.
Die zum Höchsten einst erkoren –
Ihr Gedächtniss ging verloren,
Wie ein Lied im Wind verklang.

Fern noch ragen mächt’ge Gipfel
Als der Menschheit stolze Wipfel
Leuchtend aus dem Nebelmeer:
Alexander und Homer.
Aber jene Zeit wird kommen,
Da auch sie in Duft verschwommen,
Und es nennt sie Keiner mehr,

Unterdess in ew’gen Kreisen
Und in altgewohnten Gleisen
Ihre Bahn die Erde geht,
Achtlos, was auf ihr besteht,
Achtlos auf der Menschheit Träume
Wandelt sie durch Weltenräume,
Bis auch sie in Staub verweht.

http://gutenberg.spiegel.de/buch/heinrich-seidel-glockenspiel-8211-gesammelte-gedichte-3738/6

Advertisements

Über Gerhard Bauer

Sechziger aus dem Südosten Bayerns, gebürtiger Niederbayer. Bayer mit Leib und Seele. Ehemaliger treuer CSU-Wähler. Freizeitbeschäftigung: Lesen, Radeln, Garteln und Fischen. E-Post: bayern71 (at) outlook.com
Dieser Beitrag wurde unter Deutschland, Kalenderblatt abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.