Zum Kalenderblatt: 23. Mai/Weidemond 1945: Reichsregierung Dönitz verhaftet / Teil 1/3

„…Die geschäftsführende Reichsregierung Dönitz wurde am 23. Mai 1945 in Flensburg plötzlich als gefangen und aufgelöst erklärt, und zwar zu­nächst in ordentlicher Weise. Lüdde-Neurath, der persönliche Adjutant des Großadmirals in jener Zeit, berichtet in seiner genannten Schrift Regie­rung Dönitz, die letzten Tage des Dritten Reiches` über den ganzen Vor­gang. Er beginnt ein Kapitel (S. 117) mit den Sätzen:

„Ich habe sehr überlegt, ob die vollständige Darstellung der Gefangen­nahme der Regierung und des OKW in Flensburg nützlich oder gar nötig sei. In einer ersten auszugsweisen Presseveröffentlichung hatte ich darauf verzichtet. Die Reaktion auf diese Unterlassung überraschte mich. Ich wurde nicht nur der vorsätzlichen Verheimlichung verdächtigt, sondern erfuhr darüber hinaus noch Schilderungen unserer Gefangennahme, die den Tatsachen nicht entsprachen, sondern die die gewiß sehr unerfreulichen Vorkommnisse in verzerrter und übertriebener Form wiedergaben. Dies bestärkte mich in der Überzeugung, daß der Versuch, belastende Momente in den Beziehungen zwischen Personen oder Völkern totzuschweigen, selten von dauerhaftem Erfolg gekrönt sein dürfte, sondern nur die Gefahr heraufbeschwört, gerade das Gegenteil der vielleicht guten Absicht zu be­wirken. Ich halte daher eine klare und nüchterne Niederlegung auch dieser Ereignisse für richtig; einmal der historischen Vollständigkeit wegen, zum andern aber, um übertriebenen, Unheil stiftenden Gerüchten vorzubeu­gen.“

Aus dem Kapitel seien folgende Stellen wiedergegeben:

„Bis hierher war die Gefangennahme in korrekten Formen erfolgt. Wir sahen keinen Grund, weswegen sich die Behandlung im weiteren Ver­laufe ändern sollte. (Admiral) v. Friedeburg war jedoch anderer Ansicht. Er ging mit dem Großadmiral vor dessen Wohnung noch kurz auf und ab. Er überlegte sich sehr, ob er den nun beginnenden Zirkus mit allen seinen entehrenden Begleiterscheinungen` mitmachen solle. Dönitz widersprach. Er glaube, daß uns kriegsgefangenen Soldaten Behandlung gemäß Genfer Konvention selbstverständlich zugestanden würde. Ein Glaube, der aller­dings sehr bald und sehr kraß Lügen gestraft wurde. Von Friedeburg fand bereits unmittelbar nach diesem Gespräch seine Vermutung bestätigt, als er vor dem Regierungsgebäude Zeuge einer der unwürdigsten Szenen dieses Tages wurde, und nahm sich – ohne Zweifel unter dem Eindruck derselben, aber _wohl entsprechend einem schon vorher gefassten Ent­schluß – kurz darauf durch Einnahme von Gift das Leben. Ich kann ihn, der als Soldat seine Pflicht bis zu dem für ihn als Unterhändler besonders bitteren Ende erfüllt hat, nicht verdammen, weil er sich nun die entehrende Behandlung als Verbrecher ersparte. Wir hatten gerade begonnen, in Ruhe die letzten Vorkehrungen zu unserem Abtransport zu treffen, als gegen 11 Uhr ein englischer Captain mit einigen Soldaten auf der Bildfläche er­schien, der den Großadmiral unter Außerachtlassung jedes militärischen oder menschlichen Anstandes anzutreiben versuchte. Vergebens bedeutete ich ihm, daß seine Befehle Abfahrt sofort` und nur ein Koffer` im Wider­spruch zu der eben erhaltenen Weisung des amerikanischen Generalmajors Rooks stünden. Da das Umpacken unserer Sachen in nur einen Koffer Zeit beansprucht hätte, blieb es bei den vorgesehenen zwei Gepäckstücken für den Großadmiral und mich. Immerhin gab diese Episode Anlaß zu einem Märchen von acht Koffern und seidener Unterwäsche, mit dem sein Schreiber einen bedauerlichen Mangel an Wahrheitsliebe unter Be­weis gestellt hat. Auch meine höflich vorgetragene Bitte, den Ton etwas zu mäßigen, weil der Hausherr, Brillantenträger Kapitän zur See Lüth, erst vor wenigen Tagen durch Unglücksfall verschieden sei, blieb völlig unbe­achtet. Im Gegenteil wurde mit lautem Hallo das Trauerhaus durchstöbert, und Frau Lüth flüchtete weinend mit den wertvollen Kriegsauszeichnungen ihres Mannes zu mir. Da ich einen besseren Rat nicht wußte, bat ich den amerikanischen Begleitoffizier, der sich deutlich von dem Verhalten seines Bundesgenossen distanzierte, diese Dinge vor dem Zugriff der englischen Soldaten zu retten, was er zusagte. Unter starker Bewachung wurden wir nun zum Polizeipräsidium in Flensburg gefahren. Hier fand eine körper­liche Untersuchung statt, deren genaue Beschreibung ich mir an dieser Stelle versagen muß. Es mag die Feststellung genügen, daß nichts un­erforscht blieb ..“

Aus: „Warum, woher, aber wohin?“ von Hans Grimm

Erhältlich zum Beispiel hier:

http://www.abebooks.de/servlet/SearchResults?tn=warum+woher+aber+wohin&x=0&y=0

In den nächsten Tagen folgen die beiden restlichen Teile.


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Über Gerhard Bauer

Sechziger aus dem Südosten Bayerns, gebürtiger Niederbayer. Bayer mit Leib und Seele. Ehemaliger treuer CSU-Wähler. Freizeitbeschäftigung: Lesen, Radeln, Garteln und Fischen. E-Post: bayern71 (at) outlook.com
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