Zum Kalenderblatt 1. Mai/Weidemond: 1. Mai 1933 in einem niederbayerischen Marktflecken

Geschehen am 1. Mai 1933

Wörtlicher Auszug aus einer eidesstattlichen Aussage im Entnazifizierungsverfahren:

Herr Rudolf Bauer ist nach seiner eigenen Aussage am 1. Mai 33 freiwillig in die Partei und SA eingetreten weil er in seiner Unerfahrenheit und in seinem jugendlichen Idealismus die Lügen der Partei über ihre wahren Ziele geglaubt hat. Die Augen sind ihm aber am gleichen Tage noch aufgegangen, und er hatte auch den Mut seinen Irrtum sofort offen zu bekennen und zwar für ihn in einer höchst gefährlichen Weise:

Denn am 1. Mai 1933 wurde mein verstorbener Mann, Herr Graf Max Josef von Deym als bekannter Nazigegner sowie weil er am 1. Mai 1933 nicht beflaggt hatte und seiner Arbeit nachging Nachmittags verhaftet und in das hiesige Amtsgerichtsgefängnis eingeliefert. Herr Bauer, war wie schon erwähnt am Morgen des gleichen Tages SA-Mann, und kam, als er von der Inhaftsetzung Kenntnis erhielt in SA-Uniform zu uns in das Schloss und gab offen seiner Abscheu über diese Verhaftung Ausdruck und bot sich mich, um mich vor Anpöbelungen zu schützen, zum Arzt zu begleiten; mein Mann musste nämlich wegen seiner Zuckerkrankheit tägliche Insulinspritzen bekommen. Dieses Angebot führte Bauer auch aus und begleitete mich in Uniform vom Schloss den ganzen Weg zur Villa des Herrn Dr. Jocier  hinauf; wir gingen dabei wie ich mich noch sehr gut erinnere, in der Mitte der Markt-Hauptstrasse, mitten durch Gruppen aufgeputschter Sa und anderer Nazi; während meiner Besprechung mit dem Arzt, die geraume Zeit dauerte, blieb Herr Bauer auf der Strasse vor dem Haus des Herrn Dr. und stand dort getreu Wache bis ich von dort herunterkam; darauf begleitete er mich in der gleichen Weise wie auf dem Hinweg wieder in das Schloss zurück. So hat kein Mensch dabei gewagt mich im geringsten zu belästigen.

Man bedenke, welcher Mut in diesen Monaten erster Triumpfe und wildestens Fanatismusses seitens der Nazi und lähmenden Schrecks seitens der vergewaltigten Bevölkerung dazu gehörte so zu handeln!
Und welcher Abscheu muss Bauer schon innerlich am ersten Tag seiner Zugehörigkeit zur SA erfüllt haben, damit er diesen Mut aufbrachte; denn er konnte sich sehr wohl über die Folgen die sein mannhaftes Charakterfestes Auftreten für ihn haben würde nicht im Unklaren sein. Leider erfüllten sich auch meine diesbezüglichen Befürchtungen:

Ganz kurz nach dem geschilderten Vorgehen Bauers kam dieser wieder in das Schloss und erzählte uns davon; Seinen Aussagen nach wurde den Haupträdelsführern mitgeteilt, dass Herr Bauer mich zum Arzt begleitet hatte wurde er sofort abgefasst in das Parteilokal Sieffert geschleppt und mit knapper Not sei er damals schon einer Verhaftung entgangen da ihm angedeutet worden sei, er könne jederzeit dem Grafen „Gesellschaft“ leisten. Ein paar Tage darauf sei dann der Sonderkommissar von Eggenfelden gekommen um über das Schicksal über Bauer Gericht zu halten. Der Antrag der Haupträdelsführer habe auf Dachau gelautet, da Bauer auch zur Last gelegt wurde, dass er Spitzel für die „Schwarzen“ war. Nur das energische Auftreten eines Mannes habe die Ausführung dieses Vorhabens noch verhindert. Ich natürlich nicht Zeuge dieser Vorgänge gewesen aber nachdem sich dieselben vor einer Menge anderer Zeugen (das Parteilokal Sieffert soll gesteckt voll gewesen sein) kann Bauer doch nicht riskieren etwas unwahres zu behaupten oder auch nur „Wahres“ zu übertreiben.

Leider konnte Bauer auch nun nicht mehr wagen aus der Partei und SA auszutreten, wollte er nicht riskieren Freiheit und Existenz zu verlieren.

Wohl aber hat er meinen Mann immer wieder orientiert und gewarnt, wenn dieser von Seiten der Partei in besonderer Gefahr geschwebt ist und sich dadurch immer wieder in stärksten Gegensatz zur Partei gestellt und als anständiger Mensch erwiesen. Hätten wir lauter „Bauernazi“ gehabt, hätte sich Arnstorf gratulieren können……

Danach kommen noch einige allgemeine Sätze, die für den Vorgang nicht bedeutend sind. Anzumerken ist noch, dass die Rolle des „Leibwächters in Uniform“ noch desöfteren notwendig war, allerdings nicht so spektakulär wie am 1. Mai. Diese Frau war eine alte Frau und musste vor Anfeindungen und Anpöbelungen seitens des Pöbels, nichts anderes waren diese Leute, geschützt werden.

Ich will den Vorgang noch mit ein paar Information ergänzen, ihn aber ansonsten einfach so stehen lassen. Die Einstufung erfolgte in Stufe 2, obwohl noch eine ganze Menge von entlastenden Aussagen vorlagen, keine Parteifunktionen wahrgenommen wurde, keine Profite aus dem System gezogen wurden. Militarist war er auch nicht, wenn er auch ab dem Frankreichfeldzug dabei war, aus der Wehrmacht schied er als Obergefreiter aus. Bei vielen anderen verzögerte oder verhinderte die Parteimitgliedschaft den Kriegs- bzw. den Fronteinsatz, bei ihm nicht. Was in anderen Zeugenaussagen erwähnt wird, jedoch vor den Augen der gestrengen Richter keinerlei Berücksichtung fand.
Bezeichnend ist, dass ihn, nach dem Krieg, ein ehemaliger Aktivist der NSDAP ans Messer liefern wollte, dieser und ein paar Kommunisten aus unserem Ort. Wobei dem Aktivisten nach mühevoller Detektivarbeit nachgewiesen wurde, dass er nur verleumdete und selbst beging, was er vorwarf.
Der Aktivist behauptete, mein Vater hätte ihn angeschwärzt und nach Dachau gebracht. Es stellte sich heraus, dass der Aktivist, ein früher Freund Himmlers, im Suff seine Parteiabzeichen von der Uniform riss, als ihm von BVPlern vorgeworfen wurde, dass er einer Partei angehöre, die sein Heimatland, Bayern, verraten habe.Daraufhin kam er für kurze Zeit nach Dachau, ihm wurde eine Lektion erteilt, normal waren 8 Wochen, er blieb nur 14 Tage. Nach seiner Entlasssung wurde er mit einem Posten in einer niederbayerischen Stadt ruhiggestellt und entschädigt.
Dieser Aktivist denunzierte, wie im Zuge der Nachforschungen bekannt wurde, eine Krankenschwester und zeigte sie bei den Behörden, wegen Hörens eines Feindsenders, an, worauf schwerste Bestrafung stand. Das Verfahren wurde nach diversen Zeugenaussagen eingestellt (man hielt zusammen), der Aktivist hatte gelogen, was ihm nachgewiesen wurde, für ihn aber folgenlos blieb. Auch darüber liegen mir die eidesstattlichen Aussagen vor.

Ein solcher Mann, es gab sicher auch andere, war eine lokale, tragende Säule des Systems, ein Mann der ersten Stunden, ein sog. alter Kämpfer. Im Entnazifizierungsverfahren wurde diesem Kerl Glauben geschenkt. Man hörte, was man hören wollte und zeigte den Unterlegenen, den Wehrlosen, wo der Hammer hängt, wer jetzt und zukünftig Herr im Hause ist.

Hier die Stufen der „Schuld“:

1.    Hauptschuldige (Kriegsverbrecher)

2.    Belastete (Aktivisten, Militaristen, Nutznießer)

3.    Minderbelastete

4.    Mitläufer

5.    Entlastete.

Eingestellt habe ich die Aussage, um auf das Thema Menschenjagd aufmerksam zu machen. Die Aussage zeigt, dass von verschiedenen Seiten Jagd auf Menschen gemacht wurde und immer noch wird, die sich allesamt im Recht wähnten und sicher auch allerlei „gute“ Gründe aufzählen konnten. Darum sind sie nie verlegen.

Ich sage, keiner dieser Gründe zählt, keiner dieser Gründe hat auch nur einen Funken Berechtigung.
Menschenjagd ist immer, egal in welcher Form und durch wen, wenn auch durch den Staat oder andere Einrichtungen legalisiert, immer eine verwerfliche, minderwertige Tat, die durch unanständige, minderwertige Menschen begangen wird. An ihren Taten sollt ihr sie erkennen.

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Über Gerhard Bauer

Sechziger aus dem Südosten Bayerns, gebürtiger Niederbayer. Bayer mit Leib und Seele. Ehemaliger treuer CSU-Wähler. Freizeitbeschäftigung: Lesen, Radeln, Garteln und Fischen. E-Post: bayern71 (at) outlook.com
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5 Antworten zu Zum Kalenderblatt 1. Mai/Weidemond: 1. Mai 1933 in einem niederbayerischen Marktflecken

  1. Karl Eduard schreibt:

    Goebbels mußte sogar einen Artikel bringen, um das Denunziationsunwesen einzudämmen, weil die Behörden mit dem Bearbeiten gar nicht mehr nachkamen und viel versuchten, private Rechnungen zu begleichen. Ich will das jetzt nicht vergleichen, aber der Wettlauf auf die Stasiakten hatte ähnliche Züge. Sehr Viele waren begierig, in Akten, die über sie angelegt waren, Gründe für ein erfolgloses Leben zu finden und den Namen der Stasi-Zuträger. Nun muß man wissen, daß jedermann in einer Funktion in das Berichtswesen eingebunden war und nach Höhepunkten, wie ZK-Tagungen der SED oder einem Weltraumflug, Stimmungs – und Meinungsbilder abzuliefern hatte, die möglichst positiv zu sein hatten. Schlimm aber ist, wenn ein Klima herrscht, das Denunziantentum fördert, sich in jeder Gesellschaft Denunzianten finden.

    • Gerhard Bauer schreibt:

      Wenn der Staat oder dessen Repräsentanten Denunziation fördern, werden immer Rechnungen beglichen. Den Typen des Denunzianten gibt es in allen Gesellschaftsschichten, allen Ideologien und Weltanschauungen.
      Meist zeigt sich schon von Kindesbeinen an der spätere (mögliche) Denunziant. Denunziation ist eine Charaktersache, des Denunzianten und dessen der den Denunzianten fördert oder Gehör schenkt.
      Wir wurden als Kinder so erzogen, dass schianga (petzen) nicht gemacht werden darf und oft genug wurde das Schianghaferl geschimpft („Das tut man nicht“). Andere hingegen fördern dies oder machen es gar zur vaterländischen Pflicht, wo der bestraft wird, der nicht mitteilt was er erfahren hat.
      Mein Vater bekam z. B. auch 16 Jahre Zwangsarbeit von den Amis aufgebrummt, er saß schon 6 Wochen im Gefängnis und wartete auf den Abtransport, weil er Jagdkameraden nicht verriet, die noch Gewehre besaßen und trotz Verbots auf die Jagd gingen. Auf Waffenbesitz stand damals noch die Todesstrafe. Er wurde dann ohne Angabe von Gründen entlassen und durfte zu Fuß, ca. 20 km, nach Hause gehen, was dem „alten“ Infantristen nicht viel ausmachte.

      • KW schreibt:

        Dazu knn ich aus meiner Lehrerpraxis etwas beisteuern. Einige meiner Kollegen hatten immer einen „Petzer“ in der Klasse, den sie hätschelten. So wußten sie immer alles und schauten verächtlich auf Kollegen herab, die vieles nicht wußten. Ich hatte ein ganz anderes Verhältnis, zu meinen Schülern, das dazu führte daß sich die „Sünder“ letztendlich selbst meldeten und wir gemeinsam berieten, wie wir den Schaden begleichen. Wie der Herr, so das Gescherr. Heute geht die Denunziationswelle eindeutig von oben aus weil die „Petzer“staatlich bezahlt werden. Das ist ganz besonders ekelhaft, das System ist morsch und faul bis in die Knochen. Ich glaube nicht, daß unsere Vorfahren jemals so etwas Widerwärtiges erleben mußten. Jedenfalls hat meine Sippe alle Zeiten recht unbeschadet überstanden, selbst die DDR. Hier stand ich bereits 2x am Pranger, einmal medial und einmal finanziell. Ich kann mit gerade diesem System nicht leben, weil es gegen alles Natürliche arbeitet, hochgradig kriminell und verlogen, aber dazu noch saudumm ist.

      • Karl Eduard schreibt:

        Genau, es gibt Dinge, die tut man einfach nicht. Aber das scheint verloren gegangen zu sein.

  2. Gerhard Bauer schreibt:

    Meine Lehrer in der Volksschule waren vorbildhaft. Sie zollten dem der schwieg, schweigend Respekt.

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