Zum Kalenderblatt 20. April/Launing: WARUM – WOHER – ABER WOHIN Teil 4

In seiner Denkschrift zur Wiederaufrüstung` (S. 14/15) berichtet Hans Ulrich Rudel:

„In den letzten Monaten und Wochen des Krieges, als sich die Gefahr einer sowjetischen Invasion in das Herz Europas drohend klar abzeichnete, wurde bei der Masse des deutschen Heeres vom Mann bis zum höchsten Offizier mit bewundernswerter Hartnäckigkeit angenommen, daß es den Deutschen gelingen würde, eine gemeinsame Front mit den westlichen Alliierten gegen die Rote Armee zu bilden. Es ist inzwischen bekanntge­worden und unwiderruflich bewiesen, daß mehrere maßgebliche deutsche Führer in solcher Richtung bis zur letzten Stunde ihre Kräfte eingesetzt haben. In diesem Zusammenhang sei z. B. Himmler erwähnt, der sich außer­dem bereiterklärte, im Falle einer Annahme des Vorschlages, sich gefan­genzugeben als verantwortliche Person für die unter seinem Befehl als oberster Polizeichef begangenen ,Verbrechen`. – Von westlich-alliierter Seite wurde dies verweigert. Nachdem es also unmöglich war, mit den Alliierten zusammen eine gemeinsame Fortsetzung des Kampfes zum Schutze Europas zu erzielen, versuchte man von deutscher Seite aus, eine gesonderte Kapitulation, nur gegenüber dem Westen zu erreichen. Auch diese Mühe war vergeblich. In letzter Instanz versuchte Jodl in Eisen­howers Hauptquartier in Reims wenigstens einen zeitlichen Aufschub – für Wochen, Tage oder sogar nur Stunden – für die Kapitulation im Osten zu bekommen. Eisenhower persönlich wies dies von der Hand und hat die Bitte nicht einmal seiner Regierung zugeleitet. Es war Jodls Absicht, auf jene Weise unzählige Truppen des Ostheeres vor der Gefangennahme durch die Rote Armee zu schützen und gleichzeitig die Möglichkeit zu be­kommen, Hunderttausenden von Flüchtlingen aus dem Osten bei den west­lichen Alliierten Zuflucht und Sicherheit vor dem roten Zugriff zu ermög­lichen. Jodls Bitte – die Bitte von 99°/o des deutschen Volkes – wurde abgelehnt. Im Zusammenhang muß darauf hingewiesen werden, daß man als Entschuldigung` für dieses für ganz Europa wohl sehr verhängnisvolle Fehlen an Einsicht von seiten der militärischen und politischen Führer der Alliierten kaum anführen kann, daß zu dem Zeitpunkt jegliche Erkenntnis der Westalliierten für die rote Gefährlichkeit` fehlte. Denn sonst kann ich [Rudel] mir nicht erklären, wie es möglich war, daß beim Einsatz des von mir persönlich geführten Geschwaders während der letzten Tage im tschechischen Raum die dauernd anwesenden angloamerikanischen Jagd­flugzeuge nie eingriffen, wenn sie merkten, daß wir Kurs nach Osten nahmen. Aber die Tragik der westlich-alliierten Haltung zu jener Zeit gehört im Rahmen unserer Ausführungen nicht an diese Stelle. Es wurde also von den westlichen Alliierten die gleichzeitige Kapitulation gegen­über der Gesamtheit der Alliierten einschließlich der Sowjetunion ge­fordert und den Deutschen sogar in Montgomerys Hauptquartier klarge­macht, daß eine nicht sofortige Annahme der Gesamtkapitulation zur Aus­radierung einer stattlichen Anzahl deutscher Bevölkerungszentren durch die alliierte Luftwaffe führen würde. Unter solchen Umständen kapitu­lierte Deutschland gleichzeitig im Westen und Osten.“

Die bedingungslose Kapitulation des deutschen Heeres wurde am 8. Mai 1945 von Großadmiral Dönitz, dem ruhigen, vornehmen Mann, unterzeichnet. „Er faßte seine Ernennung zum Staatsoberhaupt als Auftrag zur Beendigung des Krieges auf. Er glaubte damals, daß Hitler in Erkennt­nis der Aussichtslosigkeit durch seinen Tod den Weg freigeben wollte, den er selbst unter gar keinen Umständen zu gehen bereit war: den Weg der Kapitulation. Dönitz war ihn schweren Herzens gegangen und hielt diesen Auftrag` mit der Unterzeichnung am 8. Mai früh für erfüllt. Jener Akt war zugleich der letzte freie Entschluß einer selbständigen deutschen Reichsregierung. Sie hatte zwar nicht auf ihre Souveränität verzichtet; doch ungeachtet ihrer Legalität ließen die Sieger ihr keine Wirkungs­möglichkeit. Das Land war vollständig besetzt, es regierte der Feind.“ (Walter Lüdde-Neurath, Regierung Dönitz, die letzten Tage des Dritten Reiches‘, S. 100).

Im Sommer 1953 hielt der Historiker Professor Hermann Heimpel vor dem Institut für europäische Geschichte` in Mainz einen Vortrag über den ,Entwurf einer deutschen Geschichte`. Ein Pressebericht läßt Heimpel sa­gen: „Wenn eine neue deutsche Geschichtsschreibung dem deutschen Volk nicht nur die Entwicklung veranschaulichen, sondern darüber hinaus vor allem die Erfahrungen nutzbar machen soll, dann muß man das Haupt­gewicht auf die Ereignisse während der letzten Generation legen . . .“ Der kurze Bericht fährt fort: „Das neue Geschichtswerk solle zwar nicht von einer Kollektivschuld berichten, aber doch damit beginnen, vor der eigenen Türe zu kehren. Nichts wäre falscher, als eine reaktionäre oder national beschönigende Geschichte zu schreiben. Professor Heimpel bezeichnete die Geschichtsschreibung als ein ,Versöhnungswerk‘, das eine politische und moralische Aufklärung der deutschen Geschichte geben müsse.“

Ganz gewiß ist nun nötig, daß eine neue deutsche Geschichtsschreibung das Hauptgewicht auf die „Ereignisse während der letzten Generation“ legt. Denn diese Generation hat sich Wirklichkeiten gegenüber befunden, die sie selbst noch nicht erkannte, und davon die vorhergegangenen Gene­rationen so gut wie nichts ahnten. Aber ebenso gewiß falsch gefaßt ist die Belehrung, ein neues Geschichtswerk solle damit beginnen, „vor der eigenen Tür zu kehren“. Bei Deutschen hieße das nichts anderes, als die Augenvor einer sich ihnen als Erstbetroffenen langsam offenbarenden Wirklich­keit wiederum niederzuschlagen. Es kommt nämlich bei einer neuen Ge­schichtsschreibung nicht darauf an, daß bei hinreichender Selbstbezichti­gung und bei politischer und moralischer Aufklärung etwa der deutschen Geschichte ein doch immer nur scheinbares „Versöhnungswerk“ bewußt geschaffen werde, sondern für eine neue Geschichtsschreibung kommt es auf rücksichtsfreie Aufklärung an, in der an k e i n e r Ungefälligkeit auf irgendeiner Seite und unter irgendeinem Vorwande vorübergegangen werden darf. Versöhnung tritt erst dann ein, wenn einmal nach allen menschlichen Geglaubtheiten und Beschönigungen die Wirklichkeit des Ganzen erfaßt ist.

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Über Gerhard Bauer

Sechziger aus dem Südosten Bayerns, gebürtiger Niederbayer. Bayer mit Leib und Seele. Ehemaliger treuer CSU-Wähler. Freizeitbeschäftigung: Lesen, Radeln, Garteln und Fischen. E-Post: bayern71 (at) outlook.com
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