Woanders gelesen: Trägt Noam Chomsky bei zum Regimewechsel in Syrien?

Kim Petersen

Man kann von den konzerneigenen/staatlichen Medien wohl nichts anderes erwarten, als eindeutig parteiisch bezüglich des angeblich von der syrischen Regierung begangenen Gasangriffs zu sein. Allerdings würde man hoffen, dass von Staat und Konzernen unabhängige Medien einen höheren journalistischen Standard einhalten. Dennoch hat Democracy Now! die imperialistische Agenda für den Regimewechsel in Syrien vorangetrieben. Tendenziöse DN-Berichte in letzter Zeit machen das überaus klar. Das sogenannt unabhängige Democracy Now! hat auch den achtzigjährigen Professor Noam Chomsky dazu verlockt, das „Assad-Regime“ zu kritisieren.

DN beginnt mit der einführenden Erklärung, dass „die weltweite Empörung über einen angeblichen Angriff mit chemischen Waffen in der Provinz Idlib ansteigt, der laut Berichten von der Regierung Assad durchgeführt worden ist …“ Kein Beweis wird angeführt, der die Beschuldigung untermauern würde, und auch die Beschuldiger bleiben unerwähnt. Welche Art von Journalismus ist das?

Es wäre völlig unsinnig und verrückt für Syrien, chemische Waffen einzusetzen, während der Krieg sich zu seinen Gunsten entwickelt. Und natürlich gibt es auch Beweise,die diese Beschuldigung entkräften. Fürs Stammbuch – als der Zionist und Kriegsverbrecher Barack Obama 2013 Syrien angreifen wollte aufgrund falscher Beweise, dass die Regierung Assad Gas in Ghouta in Sayrien benutzt habe, stimmte Assad zu, Syriens Bestände an chemischen Waffen (eine Abschreckung gegen Israels Atomwaffen) aufzugeben, um die angedrohte Invasion zu vermeiden (UNO-Resolution 2118). Jetzt steht die syrische Regierung unter Anklage, eine Chemikalie verwendet zu haben, die unter internationaler Aufsicht vernichtet worden ist. Ist die syrische Regierung so dumm, dass sie eine weitere Invasionsdrohung riskiert, indem sie eine nichtkonventionelle Waffe benutzt? Und warum findet diese neue Gasattacke in Idlib gerade statt, nachdem Rex Tillerson erklärt hat, dass das syrische Volk über das Schicksal seines Präsidenten entscheiden soll?

Der Professor sagt zu DN: „Syrien ist eine schreckliche Katastrophe. Das Assad-Regime ist eine moralische Zumutung. Sie begehen furchtbare Handlungen, die Russen mit ihnen.“

Wie wär´s mit ein bisschen Skepsis? Immerhin spekulierte Chomsky neulich über eine von Donald Trump orchestrierte false flag-Operation. Chomskys Auslassungen sprechen eine deutliche Sprache. Er geht gleich gegen die syrische Regierung los, er erwähnt nicht die Einmischung der Vereinigten Staaten von Amerika, Israels und anderer westlicher Staaten. Er erwähnt nicht die vom Westen, von den Saudis und Qatar unterstützten terroristischen Söldner, die versuchen, eine fremde Regierung durch Gewalt zu stürzen.

In der Tat hat Chomsky, der Sprachwissenschaftler, zum imperialistische Lexikon gegriffen. Er kritisiert das Assad-„Regime.“ Mir ist nichts davon bekannt, dass Chomsky jemals von einem Trump-, Obama- oder anderen US-„Regime“ oder von einem israelischen „Regime“ gesprochen hat. Es stimmt, dass Chomsky ein Kritiker des US-Terrorismus und Imperialismus und der zionistischen Verbrechen gegen die Palästinenser war, aber ich weiß nichts davon, dass Chomsky das US-, israelische oder andere westliche Regimes als „eine moralische Zumutung“ bezeichnet hat. Das mag schon stillschweigend inbegriffen sein, aber gesagt hat er es nicht.

Darüber hinaus scheint die Kritik am „Assad-Regime” krass im Widerspruch zu stehen mit einem fundamentalen Lehrsatz von Chomskys Philosophie: dass sein Anliegen in erster Linie der Terror und die Gewalt sind, die von seinem eigenen Staat, den Vereinigten Staaten von Amerika ausgeübt werden. [2]

Von Chomsky ist sogar bekannt, dass er amerikanisch-israelische Absichten in Richtung Regimewechsel in Syrien bestreitet. Wenn Chomsky recht hätte, dann würde das eine gründliche Änderung der Richtung signalisieren, in die der amerikanische Imperialismus geht. 2007 sprach der ehemalige US-General Wesley Clark von einem geheimen Aktenvermerk, laut dem die Vereinigten Staaten von Amerika „sieben Länder in fünf Jahren außer Gefecht setzen werden, beginnend mit Irak, dann Syrien, Libanon, Libyen, Somalia, Sudan und Iran.“

DN fragt Chomsky: „Warum sind die Russen auf ihrer Seite (des ‚Assad-Regimes’]?”

Chomsky: „Dafür gibt es einen ziemlich einfachen Grund: Syrien ist ihr einziger Verbündeter in der gesamten Region. Nicht ein enger Verbündeter, aber sie haben ihre einzige Basis im Mittelmeerraum in Syrien. Es ist das einzige Land, das mehr oder weniger mit ihnen verbunden ist. Und sie wollen ihren einzigen Verbündeten nicht verlieren. Das ist sehr hässlich, aber so ist es.“

Das ist Chomskys Beurteilung, aber sie ist sachlich falsch. Iran und Hezbollah helfen Syrien bei der Bekämpfung der Terroristen. Chomsky diskutiert auch nicht einen wichtigen Punkt: dass Russland eingeladen wurde, der syrischen Regierung zu helfen, ebenfalls Iran und Hezbollah. [3] Die Vereinigten Staaten von Amerika sind nicht eingeladen und der syrische Präsident Assad bezeichnet die US-Kräfte in Syrien als „Invasoren.“ Chomsky ist gut bewandert, um zu wissen, was passiert, wenn nicht eingeladene US-Kräfte in fremden Ländern auftauchen – unter diesen Korea, Vietnam, Panama, Grenada, Somalia, Haiti, Afghanistan, Irak, Libyen, Jemen etc.: Völkermord, Millionen Getötete, Millionen Vertriebene, Zerstörung der wirtschaftlichen Infrastruktur und Vasallentum.

Später in dem Interview entschuldigt Chomsky fast die Russen, wenn er spricht von „einer Initiative der Russen … für eine Verhandlungslösung, in der Assad stufenweise zurücktreten würde, nicht sofort … Der Westen akzeptierte das nicht, nicht nur die Vereinigten Staaten von Amerika. Frankreich, das Vereinigte Königreich, die Vereinigten Staaten weigerten sich, das auch nur in Erwägung zu ziehen. Zu dieser Zeit glaubten sie, sie könnten Assad stürzen, daher wollten sie das nicht und der Krieg ging weiter.

Ist die Weigerung des Westens, eine Verhandlungslösung abzulehnen, nicht eine “moralische Zumutung”?

Chomsky sagt: „Qatar und Saudiarabien unterstützen Jihadisten-Gruppen, [Betonung hinzugefügt. Wieder borgt Chomsky vom imperialistischen Lexikon. Warum charakterisiert er westliche Gruppen nicht als „Kreuzfahrer“?] die sich alle vom ISIS nicht besonders unterscheiden. Es gibt also Horrorgeschichten auf allen Seiten. Die Menschen in Syrien werden dezimiert … das Land wird einfach zerstört. Es sinkt hinab zum Selbstmord.“

Selbstmord? Wenn US-Invasoren in Syrien sind, wenn westliche Regierungen und Agenten gegen die syrische Regierung aufgestellt sind, wenn die Regierungen von Saudiarabien und Qatar Terroristen unterstützen, und wenn syrische Menschen getötet und zu Flüchtlingen gemacht werden, warum das als „Selbstmord“ bezeichnen? Will Chomsky damit sagen, dass das syrische Volk die Verantwortung trägt für den Horror und die Dezimierung, die ihm von außen auferlegt wird? Das klingt absurd.

Moralische Gebote

Als erstes Gebot sollten alle nicht eingeladenen Außenstehenden Syrien sofort verlassen. Als zweites Gebot müssen alle Parteien, die verantwortlich sind für die Aggression gegen Syrien, angeklagt und verfolgt werden. Zum Dritten müssen alle Verbrechen, die von der Regierung Assad bei der angeblichen Niederschlagung friedlicher Proteste begangen worden sind, untersucht werden, und wo derartige Anschuldigungen zutreffen, strafrechtlich verfolgt werden.

Noam Chomsky hat enormen Respekt für seine Opposition gegen US-Verbrechen, Unterstützung für soziale Gerechtigkeit und anarchistische Tendenzen erworben. Chomsky vertritt aber auch Positionen, die fehlerhaft erscheinen (seine Feststellung, dass die Wahrheit im Fall 9/11 keine Rolle spielt), ja sogar moralisch fragwürdig sind (seine Gegnerschaft zur von Palästinensern geführten BDS [Boykott, Divestment, Sanktionen] – Bewegung).

Es ist zwingend erforderlich, dass Menschen informiert werden. Wir sollten alle auf die Worte hören von Intellektuellen und Personen, die große Integrität gezeigt haben, aber wir müssen auch auf unsere innere Unstimmigkeit gegenüber anscheinend unpassender Information achten, wir müssen eine solche Information in Frage stellen und rigoros hinterfragen, und auf der Grundlage unserer eigenen Beurteilung der sachlichen Richtigkeit, Logik und Moral der Information müssen wir zu unseren eigenen Schlussfolgerungen kommen. Widerstehen Sie der Verlockung, bedingungslos die Worte von Autoritäten zu akzeptieren. Ohne Rücksicht auf die Persönlichkeit ist vorurteilsfreier Skeptizismus der Schlüssel zur Entwicklung unserer Fähigkeit, Falschinformation zu durchbrechen und die heimtückischen Handlungen zu vereiteln, die zu verbergen Absicht der Propaganda ist.

Kritisches und moralisches Denken ist von entscheidender Bedeutung für die Revolution für eine freie und sozial gerechte Welt.

 

Anmerkungen

[1] Die ehemalige FBI-Kontraktorin und Whistleblowerin Sibel Edmonds hat darauf hingewiesen, dass Democracy Now! große Zuwendungen bekommt: Ernste Fragen haben sich erhoben, wie Democracy Now!, das mit den Ressourcen von Pacifica Radio und Zuwendungen von der Carnegie Corporation, der Ford Foundation, dem J.M. Kaplan Fonds und anderen entstanden und gewachsen ist, plötzlich unabhängig und effektiv zum Eigentum von Amy Goodman ohne Vergütung an Pacifica wurde. Dieser Transfer beinhaltete anscheinend wertvolle Güter wie geschützte Marken, Eigentum an Jahren von archivierten Sendungen, Zugang zu Partnerstationen und mehr. Nach einem geheim gehaltenen Vertrag bekommt Amy Goodman eine Million Dollar im Jahr für eine fünfjahrige Periode mit Beginn 2002, laut Pacifica-Finanzleiter Jebari Zakiya, um das weiterhin zu betreiben, was zu Pacificas führendem morgendlichem Nachrichtenprogramm geworden war. Das ist mehr als das Doppelte von Goodmans angeführten Gehalt von jährlich $440.000 von Pacifica Radio. Democracy Now! wird indirekt von George Soros finanziert, und direkt von der Ford Foundation, der Glaser Foundation, Soros Open Society Institute …

[2] Noam Chomsky, on Power and Ideology: The Managua Lectures (South End Press, 1987)

[3] Kollege BJ Sabri und ich schlossen in Teil 6 – „Ein russischer Weißer Ritter oder eine interventionistische Macht?“ – unserer siebenteiligen Serie über „Die imperialistische Gewalt in Syrien“: „Obwohl es in den Krieg auf der Seite der rechtmäßigen Regierung eintrat, hat Russland nie eine Strategie oder ein langfristiges Ziel in Syrien angegeben außer dem einen, nämlich der Unterstützung eines rechtmäßigen UNO-Mitglieds, damit es nicht von amerikanisch/saudisch unterstützten Terroristen und Söldnern überrollt wird.“

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Über Gerhard Bauer

Sechziger aus dem Südosten Bayerns, gebürtiger Niederbayer. Bayer mit Leib und Seele. Ehemaliger treuer CSU-Wähler. Freizeitbeschäftigung: Lesen, Radeln, Garteln und Fischen. E-Post: bayern71 (at) outlook.com
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