Zum Kalenderblatt 7. April/Launing: Marokkokrise

Die Marokko-Krisen 1904 und 1911

Deutsch-französische Handelsrivalität in Marokko

Englands klare Position an Frankreichs Seite zeigt sich 1904 und 1911 in den sogenannten zwei Marokkokrisen. In beiden geht es darum, daß Paris versucht, seinen Einfluß auf Marokko auszudehnen, und daß es dabei den Vertrag von Madrid von 1880 bricht, in dem die Souveränitätsrechte des Sultans von Marokko und deutsche Handelskonzessionen festgeschrieben worden waren.

Die Erste Marokkokrise

Die erste dieser beiden Krisen entsteht, als 1904 ein französisch-englischer Geheimvertrag bekannt wird, in dem die Briten den Franzosen die alleinige „friedliche Durchdringung Marokkos“ überlassen. Paris sichert London dafür „freie Hand in Ägypten“ und 30 Jahre Handelsfreiheit in Marokko zu. Die deutsche Reichsregierung glaubt nun, ihre in Madrid verbrieften Wirtschaftsrechte und die Hoheitsrechte des Sultans durch einen Einspruch erhalten zu können. Kaiser Wilhelm II. , 1905 gerade mit seiner Yacht im Mittelmeer auf Reisen, läuft in Absprache mit der Reichsregierung den Hafen Tanger an und verlangt vor Ort demonstrativ die Einhaltung der Vertrages von Madrid.

Die an Marokko interessierten Mächte legen daraufhin 1906 den Konflikt auf einer Konferenz in der südspanischen Stadt Algeciras bei. Nach der Akte von Algeciras darf Frankreich Marokko fortan „friedlich durchdringen“ und Deutschland bekommt die „offene Tür“ für seinen Marokko-Handel zugestanden.

Die Zweite Marokko-Krise und der Panther-Sprung nach Agadir

Die Zweite Marokkokrise von 1911 – drei Jahre vor dem Ersten Weltkrieg – geht mit dem „Panthersprung“ in die Geschichte ein. Der Vorfall zeigt, daß Großbritannien schon jetzt bereit und willens ist, selbst um eine Nichtigkeit wie diese in einen Krieg mit Deutschland einzutreten. 1911 nimmt Paris den zweiten Anlauf innerhalb nur weniger Jahre, Marokko in sein Kolonialreich einzugliedern. Das Außenministerium in Berlin, aus Angst, den deutschen Handel und die Bergbaukonzessionen in Marokko zu verlieren, weist ein deutsches Kriegsschiff namens Panther an, den Hafen von Agadir außerhalb der französischen Besatzungszone anzulaufen und dort zur Wahrung deutscher Interessen „Flagge“ zu zeigen. Die „Panther“, ein kleines Mehrzweckschiff zum Fluß- und Küstendienst in deutschen Kolonien, ist zu der Zeit reif zur Überholung und deshalb auf dem Rückweg von Westafrika zur Werft in Deutschland. Es läuft Kurs Casablanca, um dort Kohlen für die Weiterfahrt zu bunkern, wird aber vorher umgeleitet. So legt die Panther fast ohne Treibstoff und reif für die Instandsetzung am 1. Juli 1911 in Agadir im Hafen an. Die englische Regierung bewertet das sogleich als gewaltsame Demonstration deutscher Macht in Übersee und unterstellt der Reichsregierung, sie wolle einen deutschen Kriegshafen in Agadir anlegen lassen. Die britische Regierung fordert die deutsche zur Stellungnahme auf, doch ehe diese eingeht, bezieht sie selber Stellung. Ein Teil der Royal Navy wird mobil gemacht, der Kohlevorrat für die Schiffe der Marine wird ergänzt, und Schatzkanzler Lloyd George erklärt am 21. Juli im Namen der englischen Regierung, „daß sein Land im Falle einer deutschen Herausforderung an der Seite Frankreichs in den Krieg ziehen werde.

Die Regierungen in London und Paris hatten sich offensichtlich 1904 bereits ohne Wissen der Regierung in Berlin darauf verständigt, daß Marokko französisches Interessengebiet sei und daß England dafür freie Hand in Ägypten und Sudan bekomme. Da stören deutscher Handel und deutsche Bergbaurechte in Marokko. Doch ein Streit zwischen den Franzosen und den Deutschen um ein paar deutsche Rechte in Marokko und das Erscheinen eines kleinen Kolonialdienstschiffes sind an sich kein Grund, mit Krieg zu drohen. Es geht England erneut darum, Frankreich als Gegenkraft zu Deutschland stark zu machen und es geht um die ernst gemeinte Warnung, der deutschen Konkurrenz bei weiterer Rührigkeit mit Krieg ein Ende zu bereiten.

Im Deutschland der Jahre 1914 und 1918 begreift noch kaum jemand den Aufstieg des eigenen Landes in Industrie und Handel als Grund für einen Krieg. Auch solche Krisen, wie die beiden in Marokko, bei denen Deutschland lediglich versucht, ein letztes Stück vom kolonialen Kuchen abzukriegen, hinterlassen bei den Deutschen kein Gefühl von deutscher Schuld. Sie nähren höchstens die Befürchtung, sich in der Welt zu isolieren. Schließlich hat das Deutsche Reich – anders als das Britische Imperium der letzten 20 Jahre – kein anderes weißes Volk angegriffen und ihm Kolonien abgejagt.

http://www.vorkriegsgeschichte.de/content/view/14/30/

Dieser Text ist eine Kurzfassung des entsprechenden ausführlichen mit Hintergründen und Quellenangaben versehenen Textes (Seiten 34-36) in dem Buch 1939 – Der Krieg, der viele Väter hatte

Wer dieses Buch noch nicht hat, sollte es sich unbedingt kaufen. Falls es neu nicht mehr erhältlich ist, es gibt sehr gut erhaltene, gebrauchte Exemplare.

 

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Über Gerhard Bauer

Sechziger aus dem Südosten Bayerns, gebürtiger Niederbayer. Bayer mit Leib und Seele. Ehemaliger treuer CSU-Wähler. Freizeitbeschäftigung: Lesen, Radeln, Garteln und Fischen. E-Post: bayern71 (at) outlook.com
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3 Antworten zu Zum Kalenderblatt 7. April/Launing: Marokkokrise

  1. KW schreibt:

    So war, aber in den Schulbüchern unserer Kinder steht was vom Expansionsbestreben des armen Wilhelm. Hatte neulich mit einem älteren Umerzogenen zu tun. Schrecklich, wie vernebelt manche Hirne noch sind. Im Internet steht doch alles. Ich war, was Geschichte angeht, auch umerzogen, schon aus der DDR, aber letztlich kann man doch lesen. Ich mußte mir auch alles neu erarbeiten, Deine Geschichtsdaten täglich sind supergut, wenn man natürlich in die Tiefe geht.Doch wer tut das noch? Entweder die werden mit ihrer Arbeit durchs Leben gejagt und haben keine Zeit oder sie sind bereits so oberflächlich, wie man uns haben will.

  2. Gerhard Bauer schreibt:

    Das ist richtig, Kersti.
    Die täglichen Informationen über Geschichtsdaten und geschichtliche Vorgänge veröffentliche ich mit dem Hintergedanken, dass sich der eine oder andere tiefer und eingehender mit Geschichte befasst. Über Geschichte, finde ich, ist ein guter Einstieg möglich und erste Erkenntnisse über Halb- oder Unwahrheiten lösen vielleicht den einen oder anderen Folgegedanken aus.
    Guido Knopp veranlasste mich zu einer intensiveren Überprüfung. Ich sah mir eigentlich all seine Folgen an, bis mir schließlich ein paar Dinge auffielen und ich einmal hier und da nachschaute, mitch eigene Erfahrungen aus meiner KIndheit und Jugendzeit erinnerte und so gab eines das andere.
    Das gute daran ist, wenn man einmal bestimmte Erkenntnisse gewonnen und verinnerlicht hat, kann man nicht mehr zurück. Man kann es einfach nicht mehr rückgängig machen.
    Eigentlich reicht schon eine gesunde Skepsis aus, um der tagtäglichen Propaganda nicht mehr auf den Leim zu gehen.

    • KW schreibt:

      Dazu die Worte eines 86 Jahre alten Mitkämpfers: Eigentlich könne es ihm egal sein, was wird, aber er könne doch sein Hirn nicht abschalten. Er stammt aus derselben Stadt wie ich, Sein Vater war in den 12 Jahren dort Bürgermeister. Er weiß sehr viel aus dieser Zeit und hat alles aufgeschrieben. Er hat mir ein Foto geschickt, wo Rudolf Heß in seinem Wohnzimmer sitzt. Einiges weiß ich auch von meinen Eltern. Der Kopp ist so gefährlich, weil er mit halbwahrheiten hantiert. Die DDR hat so plump gelogen, daß es auffiel, aber hier haben bestimmte Kreise sich mit Psychologie beschäftigt und nutzen die als Waffe gegen uns.

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