Woanders gelesen: Hof- und Stadtnarren einst und heute

„Ridentem dicere verum, quid vetat?“
Horaz Satire

 

Wissenswertes aus Wikipedia zu unserem Thema:

Das Hofnarrentum war eine ideengeschichtlich klar begründete Institution, die fast immer ein fester Bestandteil des Hofstaates war. Die Hofnarren als „Offizianten“ (in einem festen höfischen Amt) sollten ursprünglich ihren Herrn nicht belustigen, sondern ihn als ernste Figur ständig daran erinnern, dass auch er der Sünde verfallen könne, und in religiöser Deutung seinem Herrn als Erinnerer an die Vergänglichkeit seines menschliches Dasein dienen. Sie waren also eine soziale Institution zulässiger Kritik. Ihre gesonderte Stellung bzw. die fehlende Bindung an gesellschaftliche Normen ermöglichte dem Narren einen besonders großen Handlungsfreiraum – da alles, was er sagte, aufgrund seiner „Narrheit“ nicht ernst genommen wurde. Darauf begründet sich der heute noch viel verwendete Begriff der „Narrenfreiheit.

Narren hatten zu Teilen an Fürstenhöfen (…) eine politische Funktion. Zu Zeiten absolutistischer Herrschaft waren sie die einzigen, die dem Fürsten noch die Wahrheit übermittelten, ihn an das Geschehen in seinem Herrschaftsbereich ankoppelten. Sei es, dass sie selbst als Spaßmacher oder Künstler scharfe Beobachter des Zeitgeschehens waren oder aber sich von Ratgebern und Hofleuten zur Übermittlung von Informationen oder Meinungen instrumentieren ließen bzw. Wahres und Nachdenkenswertes dem Fürsten übermittelten. Dinge, die ein „normaler Mensch“ wegen des Zornesrisikos sich nicht vor Publikum oder Zeugen zu sagen getraut hätte, weshalb man eben noch den Narren vorschicken konnte. Wenn die Meinungen und Mitteilungen ungefällig waren, dann tat man es eben als „Narretei“ ab.

 

Ein bekannter und früher Stadtnarr war zum Beispiel Till Eulenspiegel. Eulenspiegel ist im 14. Jahrhundert nicht als ausgewiesener Narr in Norddeutschland herumgezogen, tatsächlich war er seinen Mitmenschen an Geisteskraft, Durchblick und Witz überlegen. Eulenspiegels Streiche ergaben sich meist daraus, dass er eine bildliche Redewendung wörtlich nahm und umsetzte. Er verwendete dieses Wörtlichnehmen als ein Mittel, die Unzulänglichkeiten seiner Mitmenschen bloßzustellen und seinem Ärger über Missstände seiner Zeit Luft zu machen.

Lieblingshofnarr Kaiser Maximilians I. (1459–1519), war Kunz von der Rosen aus Kaufbeuren, der erst als Spaßmacher fungierte aber dann zum wichtigsten Berater des Kaisers wurde; ein intelligenter Mann, der es verstand, durch seine Späße und seine Anmerkungen die Umgebung zum Nachdenken anzuregen.

Der trinkfeste Zwerg Perkeo vom Heidelberger Schloss – aus Salurn in Südtirol stammend – begann als Spaßmacher bei Kurfürst Karl III. Philip von der Pfalz und stand aber aufgrund seiner Intelligenz, seiner Kenntnisse und Einsatzfreude dann als Haushofmeister des Kurfürsten während seines langen Lebens dort in hohem Ansehen.

Aus späterer Zeit ist die tragische Gestalt des hochgelehrten Jakob Paul von Gundling am Hof des Soldatenkönigs übermittelt, der für derbste Späße im Tabakskollegium von Friedrich Wilhelm I. herhalten musste. Gleichwohl war er als geschätzter Historiker tätig und war zum Präsidenten der Preußischen Akademie der Wissenschaften ernannt worden. Er gründete auch für die Zeit bedeutende wissenschaftliche Einrichtungen.

 

In Goethes Faust (2.Teil) schleicht sich Mephisto am Hof des Kaisers als neuer Hofnarr und künftiger Berater für diesen ein. Das Volk registriert dies in dem Drama mit „Gemurmel“:

Das ist ein Schalk – Der’s wohl versteht –
Er lügt sich ein – So lang‘ es geht –
Ich weiß schon – Was dahinter steckt –
Und was denn weiter? – Ein Projekt –

Heutzutage gibt es nur noch Hofnarren, die sich den oder dem Mächtigen andienen, um ihm – im Gegensatz zu ihren hochintelligenten Vorgängern an den früheren Fürstenhöfen – vorwiegend nach dem Mund zu reden und seinen Speichel zu lecken.
Ein Politiker der „Neuzeit“, Franz Josef Strauß hat sie treffend als „Jubel jaulende Hofhunde“ charakterisiert.
Man findet sie in den Schreibstuben der Lückenpresse und in den Studios und Senderäumen von ARD und ZDF.

Da geschieht nichts mehr von „Dem Fürsten noch die Wahrheit übermitteln, ihn an das Geschehen in seinem Herrschaftsbereich ankoppeln.“

Das Volk in Goethes Faust erkannte, was die Absicht des Teufels im Gewand des Hoffnarren ist: Ein Projekt.
Das heutige Projekt hat die Zielsetzung der Volksverdummung und Manipulation, vom Versagen der vom Volk abgekoppelten Mächtigen abzulenken.
Es geht auch nicht mehr um Verzicht auf persönliche Bloßstellung, um vielleicht allgemein menschliches Fehlverhalten zu karikieren, wie es Horaz in seinen Satiren meinte, sondern man nimmt unliebsame oder unbequeme Zeitgenossen auf der politischen oder medialen Ebene durchaus persönlich ins Visier, um sie an den Pranger zu stellen.
Geht der Schuß mal nach hinten los, wie im Fall des Zotenkönigs Jan Böhmermann vom NDR, stilisiert man sich umgehend als Opfer in einer Art Nachfolge der Obszönitäten- und Schmutzpostille „Charlie Hebdo“: je sui charlie. Was Böhmermann in seinem „Gedicht“ über Erdogan zum Besten gab, ist nichts anderes, als auf Papier gebrachte Klosprüche oder Toilettenliteratur. (Deswegen wird uns Erdogan natürlich auch nicht sympathischer.)

Die Staatssender ARD und ZDF beschäftigen ja ganze Truppen von echten Kaspern und Hofnarren wie Jan Böhmermann oder auch Oliver Welke („Heute-Show“ des ZDF).
Einer wie Welke würde auch heute noch als Kinderfotomodell für das Motiv einer Wurstkonservenbanderole der Firma Schulte Fleisch- und Wurstwaren durchgehen.
Das ist jetzt natürlich auch echt boshaft, aber ich will mal boshaft bleiben: auf groben Koltz ein grober Keil.
Welke und den Seinen in der Heute-Show geht es eher darum, die Politikerkaste insgesamt als eine Ansammlung von Volltrotteln darzustellen. Dabei müssen vorwiegend Parteitagsbesucher der CDU, AfD-Leute und auch FDPler wie z.B. Rainer Brüderle herhalten. Die Kanzlerin kriegt schon auch mal ein satirisches Schmalz ab, das bleibt aber immer in staatstragender Kohärenz.
Wäre denn etwas zu degoutant, wäre die Sendung mitsamt Welke schon längst aus dem Programm geflogen, trotz hoher Einschaltquoten (laut Statistik beim „Pisa“-stigmatisierten und wenig polit-affinen Jungvolk).

Eine Affinität zu Geflügel- und Schweineprodukten zeichnet auch Johannes B. Kerner aus, der bis vor vier Jahren als „Testimonial“ für Gutfried-Würste agierte. Kerner, das ist der mit dem Aussehen eines etwas in die Jahre gekommenen und vergammelten Steiff-Teddybärs, der Eva Herman in seiner Talkshow entgegen jegliche Regeln von Anstand und Fairness desavouierte und dabei wie ein klassischer Possenreißer mit seinem Dauergrinsen agierte.

Frank Plasberg hat zwar ein Gesicht, das für uns schon der Hohnsteiner Kasper vorweggenommen hat, dafür gibt er sich aber durchaus seriös. Er ist in seiner Sendung oft recht „hart“ gegenüber den disputierenden Politikern und anderen Wichtigtuern, selten aber „fair“, wenn es um die AfD oder andere ihm missliebig erscheinende Zeitgenossen oder -erscheinungen geht.

Dann gibt es in gleicher Kategorie Maybrit Illner, die Absolventin der Friedrich-Engels-Oberschule Berlin und der Karl-Marx-Universität in Leipzig, einstmals SED-Mitglied, also eine mit einer echten Zonen-Karriere (wie Merkel!) ins buntdeutsche Fernsehen geschwemmte „Journalistin“. Merkmal ihrer Moderation sind die stets in Rotation befindlichen Zeigefinger, die sie dann wie eine Kasper- oder Fliegenklatsche einsetzt, um aufkommende kritische Gedanken bei ihren Gästen schon im Ansatz zu exterminieren.

Die Reihe der Talkshow-Narren oder -Kasper könnte man natürlich fortsetzen und z.B. um Claus Kleber und Marietta Slomka ergänzen.

Es gibt aber noch eine weitere Kategorie von Hofnarren, die sich gerne unabhängig geben möchten und erwähnt werden müssen: Kabarettisten oder besser gesagt „Comedians“, die mit ihren Spässeken das Volk unterhalten sollen.

Richtig geistvolles Kabarett ist in den öffentlich-rechtlichen Anstalten und überhaupt zu einer Rarität geworden. Vorbei sind die Zeiten, als die Münchner Lach und Schießgesellschaft zusammen mit den Wühlmäusen aus Berlin an Silvester den Schimpf vor Zwölf in Szene setzten. Oder als Werner Finck oder Lore Lorentz im Fernsehen auftraten und die CSU eine Abschaltung dieser Sendungen verlangte.
Literarisches Kabarett war immer stets „links“, aber immer geistvoll. Was man von den neuzeitlichen linken Comedians (oder Kabarettisten?) nicht mehr behaupten kann. Typen wie Mario Barth oder Carolin Kebekus sollen mit ihren Witzchen den unbedarften Blödel-Gläubigen unsere modernen Zeitgeisterscheinungen verklugfiedeln.

Zum Schluss sollten noch ein paar herausragende Hoffnarren aus der schreibenden Zunft erwähnt werden.

Ein Obernarr ist hier zweifelsohne Franz Josef Wagner von BILD.
Der Friede-Springer-Merkel-Freunde-Verlag scheint journalistische Tappschädel anzuziehen, wie das Gestänk die Fliegen: F.J. Wagner, Alan Posener oder den „mutmaßlichen Frauenbelästiger“ Kai Dieckmann, der in den letzten Jahren für die staatstragende Ausrichtung des Proletenblattes BILD zuständig war.

Eine besondere Charge ist Heribert Prantl von der SZ. Seine Leitartikel oder Kommentare erfreuen natürlich des Gutmenschen Herz und das der links-grünen Elite-Schickeria von Süd bis Nord. Die Auftritte des ehemaligen Staatsanwalts und Richters im Fernsehen sind denn auch ein besonderer akustischer und optischer Genuss. Kein anderer linkstragender Schreibsklave kann derart weinerlich tremolierend und beeindruckend mit den Lippen schürzend seine Ansichten dem Volk – besser: seinen akklamierenden Gutmenschen – vortragen; die männliche Claudia Roth des buntdeutschen Journalismus, die Mensch-gewordene Verkörperung des Postfaktischen.
Ein Prototyp der neuzeitlichen Hofnarren.

Nun aber basta!

Ich merke, dass ich just in eine Diktion abgleite, die ich den heutigen Hofnarren vorwerfe und damit auch gegen Horaz´ Satiregebot verstoße. Aber wie gesagt: auf groben Klotz …

Faust II ist insgesamt ein äußerst interessanter und ergiebiger Text auch in Projektion auf heutige Zeiten; siehe auch Raufebold, Habebald und Habefest.
So sollen zum Schluss die Ausführungen des „Kanzlers“ in der Kaiserpfalz wiedergegeben werden, als er Mephisto in der Gestalt des künftigen Kaiser-Beraters ausmachte:

Die höchste Tugend, wie ein Heiligenschein,
Umgibt des Kaisers Haupt; nur er allein
Vermag sie gültig auszuüben:
Gerechtigkeit! – Was alle Menschen lieben,
Was alle fordern, wünschen, schwer entbehren,
Es liegt an ihm, dem Volk es zu gewähren.
Doch ach! Was hilft dem Menschengeist Verstand,
Dem Herzen Güte, Willigkeit der Hand,
Wenn’s fieberhaft durchaus im Staate wütet
Und übel sich in Übeln überbrütet?
Wer schaut hinab von diesem hohen Raum
Ins weite Reich, ihm scheint’s ein schwerer Traum,
Wo Mißgestalt in Mißgestalten schaltet,
Das Ungesetz gesetzlich überwaltet
Und eine Welt des Irrtums sich entfaltet.
Der raubt sich Herden, der ein Weib,
Kelch, Kreuz und Leuchter vom Altare,
Berühmt sich dessen manche Jahre
Mit heiler Haut, mit unverletztem Leib.
Jetzt drängen Kläger sich zur Halle,
Der Richter prunkt auf hohem Pfühl,
Indessen wogt in grimmigem Schwalle
Des Aufruhrs wachsendes Gewühl.
Der darf auf Schand‘ und Frevel pochen,
Der auf Mitschuldigste sich stützt,
Und: Schuldig! hörst du ausgesprochen,
Wo Unschuld nur sich selber schützt.
So will sich alle Welt zerstückeln,
Vernichtigen, was sich gebührt;
Wie soll sich da der Sinn entwickeln,
Der einzig uns zum Rechten führt?
Zuletzt ein wohlgesinnter Mann
Neigt sich dem Schmeichler, dem Bestecher,
Ein Richter, der nicht strafen kann,
Gesellt sich endlich zum Verbrecher.
Ich malte schwarz, doch dichtern Flor
Zög‘ ich dem Bilde lieber vor.
Entschlüsse sind nicht zu vermeiden;
Wenn alle schädigen, alle leiden,
Geht selbst die Majestät zu Raub.

http://altmod.de/?p=6960

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Über Gerhard Bauer

Sechziger aus dem Südosten Bayerns, gebürtiger Niederbayer. Bayer mit Leib und Seele. Ehemaliger treuer CSU-Wähler. Freizeitbeschäftigung: Lesen, Radeln, Garteln und Fischen. E-Post: bayern71 (at) outlook.com
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