Woanders gelesen: Killing Hope “Zerstörung der Hoffnung”

 

Killing Hope 1736

Eine Buch- und Sachbesprechung

Durch einen Hinweis im Internet bin ich auf dieses Buch aufmerksam geworden. Es umfasst 790 Seiten und hat das Format eines kompakten Backsteins. Ebenso schwer liegt einem sein Gehalt im Magen, wenn man es durchgearbeitet hat.

Zum Verfasser des Buches sei einfach auch auf die Kurzbiographie verwiesen, die sich auf dem unten abgebildeten Buchrücken findet.

Beim Einstieg in die Lektüre und bei einigen Kapitel hat man zunächst das Gefühl, da will einem ein Altkommunist“ etwas zumuten, ein Kreml-Anwalt oder Anhänger der untergegangenen Sowjetunion: keine gleichartige Erwähnung der Verbrechen und Untaten des KGB und der Sowjet-Kommunisten im Buch! Eher verständnisvolle Beschreibung der sowjetischen Geschichte und der russischen Außenpolitik. Nichts über die Deportationen und Liquidierungen von Deutschen und Dissidenten in Osteuropa nach dem 2. Weltkrieg, nur marginale Erwähnung der Unterdrückung der Revolten in der SBZ, Ungarn oder Polen, der Invasionen in der CSSR und in Afghanistan, usw. Da es explizit um ein Werk der Aufarbeitung von Verbrechen und Untaten der CIA und der USA geht, muss man dies nicht durch die gleichzeitige Auflistung von Scheußlichkeiten des Gegenparts unmittelbar relativieren. Oder? Und seien wir ehrlich, wurde nicht uns und unseren Eltern hier im Westen der Antikommunismus seit 1948 und schon vorher derartig Gehirnwäsche-artig eingebläut, dass so mancher blinde Fleck in der Wahrnehmung der Weltpolitik unausrottbar vorhanden ist.

Das ist auch das Dankeswerte an diesem Buch, dass bei der akribischen Aufarbeitung der Aktionen und Operationen der CIA und der USA in ihrem Kampf gegen den „Weltkommunismus“ durchaus auch ein Blick auf die in Verbindung stehenden außenpolitischen oder gar interventionistischen Aktivitäten der Sowjets geworfen werden kann. Und da muss man ehrlicherweise – auch als eingefleischter Antikommunist oder Kreml-Skeptiker – ins Grübeln kommen.
In den meisten Fällen, da die USA/CIA in ihren Interventionen gegen vorhandene oder drohende kommunistische Machtokkupation aktiv intervenierten, war die Sowjetunion fast stets außen vor, hielt sich diplomatisch wie auch militärisch zurück, war überhaupt nicht präsent oder auch nur machtpolitisch interessiert. Das gilt vor allem für Mittelamerika, dem Vorgarten oder Hinterhof der Vereinigten Staaten. Ob es sich um Britisch- Guayana, Nicaragua, El Salvator, Guatemala, Haiti, Costa Rica, Grenada, Panama handelt, überall waren die Russen unbeteiligt und draußen. Ausnahme Kuba, aber da zogen sie 1962 doch schnell den Schwanz ein und der von den USA im Gegenzug versprochene Raketenabbau in der Türkei – im „Vorhof“ der Russen – wurde bald nach der Krise von den USA gleich wieder zurückgenommen. Aber auch in Afrika, wo die USA tatkräftig intervenierten, waren die Sowjets uninteressiert, dienten aber als Popanz um unliebsame Politiker wie z.B. Lumumba beseitigen zu lassen. Ebensowenig gab es nachweisbare aktive materielle oder sonstige Unterstützung der Sowjetunion für den 1973 mit tatkräftiger Hilfe durch die CIA gestürzten sozialistischen chilenischen Präsidenten Allende. Um angeblich die Übernahme der Welt durch den Kommunismus zu verhindern wurden Regierungen und Staatsoberhäupter friedlicher und argloser Staaten mit Hilfe der CIA gestürzt. Das geschah in Persien 1953 mit Mossadegh, im Kongo 1961, in Indonesien 1965, in Chile 1973, in Guatemala, El Salvador, Nicaragua von den 60ern bis in die 1990er Jahre. Um den angeblichen „Domino-Effekt“ von kommunistischen Machtübernahmen in Asien zu verhindern, überzog man Vietnam, Laos und Kambodscha bis 1973 mit einem völkermordenden Krieg, für dessen Vorbereitung und Durchführung die CIA die maßgebliche Rolle spielte.
Man darf konstatieren, dass vergleichbare „geopolitische“ Aktivitäten der Sowjets nicht zu erkennen oder im Vergleich zu den USA/CIA-Aktivitäten dilettantisch aufgezogen sind (siehe z.B. Afghanistan).

Für alle diese Vorgänge liefert William Blum in seinem Buch handfeste Belege und Quellen in einem bisher selten publizierten Umfang.

Fast alle zuständigen amerikanischen Präsidenten haben in dem blindwütigen Kampf der CIA gegen unbootmäßige Staaten und Regierungen Schuld auf sich geladen. Dabei kommen die angeblich demokratischen „Lichtgestalten“ der USA, die Brüder John F. und Robert Kennedy, auch nicht gut weg. Und dazu besteht kein Anlass, den gründlich recherchierten Texten nicht zu glauben.

Als 1989 die Berliner Mauer fiel und danach das Sowjetimperium regelrecht implodierte, konnte man meinen, die USA könnten ihre Paranoia überwinden, die Sendung sei erfüllt, denn das Gespenst des Weltkommunismus war doch endgültig gebannt. Doch gefehlt. Man erschuf mittlerweile den Popanz des „Schurkenstaats“: Irak, Iran, Syrien und der kommunistische Reststaat Nordkorea wurden solcherart klassifiziert.
Und jetzt wird der eigentliche Charakter der USA mit ihrem unübersehbaren Drang (nach der Weltherrschaft) erst richtig evident. Kommunismus war gestern, heute ist es der Kampf gegen Terroristen, der für Interventionen und Aggressionen gegen Staaten und Völker herhalten muss.
Es darf nicht vergessen werden, dass Osama Bin Laden von der CIA gehätschelt und die Mudschahedin in Afghanistan, aus denen die Taliban und auch al Kaida entstanden, von den USA/CIA mit Waffen und Logistik versorgt worden waren. Nach dem 1. September 2001 wurde Afghanistan bombardiert und besetzt und 2003 fiel der Irak endgültig der amerikanischen Aggression zum Opfer.
Das Beispiel Irak ist konstitutiv für das Verständnis der US-amerikanischen Politik und somit wert, etwas intensiver darauf einzugehen.
Wir erinnern uns, mit welchen fadenscheinigen Begründungen die internationale Gemeinschaft in den Krieg gegen den Irak gezogen werden sollte. Unvergessen der peinliche Auftritt von US-Außenminister Colin Powell vor den UN am 5. Februar 2003 mit den für jeden denkenden Menschen erkennbar gefälschten Beweisen, mit denen die USA die Intervention gegen Sadam Hussein öffentlich rechtfertigen wollten.
Schon 2002 hatte Scott Ritter, der oberste UN-Waffenkontrolleur im Irak festgestellt:

„Seit 1998 ist der Irak im Wesentlichen entwaffnet worden, 90 bis 95 Prozent der Massenvernichtungswaffen des Irak sind nachprüfbarerweise vernichtet worden. Dies schließt alle Fabriken zur Produktion von chemischen, biologischen und nuklearen Waffen sowie der von ballistischen Raketen großer Reichweite ein, ferner [eingeschlossen sind] die mit diesen Fabriken verbundene Ausrüstung und die überwiegende Mehrheit der Produkte, die diese Fabriken verlassen haben.”
Der Irak war bereits durch zwölf Jahre lange Sanktionen auf Veranlassung der USA entscheidend geschwächt worden. Durch Sanktionen, die schon 1997 der damalige US-Sicherheitsberater Samuel Berger als die „tiefgreifendsten Sanktionen, die jemals in der Menschheitsgeschichte einer Nation auferlegt worden sind” bezeichnet hatte”.

Und trotzdem begannen die USA mit willfährigen Vasallen den Krieg gegen den angeblichen Schurken.

William Blum schreibt über dessen Auswirkungen:

Ein praktisch perfektes, und damit auch höchst deprimierendes Beispiel haben wir in der tragischen Geschichte dessen, was die USA dem Irak angetan haben, wie die moderne, fortschrittliche, gebildete irakische Nation zu einem „failed State”, einem „gescheiterten Staat”, zugrunde gerichtet wurde: Erst einmal bombardierten die USA das Land ab 1991 zwölf Jahre lang unter fadenscheinigen Begründungen, von denen eine zweifelhafter als die vorherige war. Dann, im Jahre 2003 besetzten sie das Land, stürzten seine Regierung, folterten Gefangene ohne jede Scham, töteten wahllos seine Einwohner… Eine Tragödie epischen Ausmaßes, in der die Bewohner des Iraks alles verloren: ihre Häuser, ihre Schulen, ihr sauberes Trinkwasser, ihre intakte Umwelt, ihr soziales Umfeld, ihre Moscheen, ihre Kulturschätze, ihre Arbeit und ihr Einkommen, ihr Fortkommen im Leben, ihre Spezialisten, ihre funktionierenden Staatsbetriebe, ihren Sozialstaat, die Rechte ihrer Frauen, ihre religiöse Toleranz, ihre persönliche Sicherheit, ihre öffentliche Sicherheit, ihre Kinder, ihre Eltern, ihre Vergangenheit, ihre Gegenwart, ihre Zukunft, ihr Leben… So dass sich mehr als die Hälfte der Menschen nun tot oder invalide oder traumatisiert oder im Gefängnis oder im Lande vertrieben oder ins Ausland vertrieben wiederfindet… Luft, Boden, Wasser, Blut und Gene von abgereichertem Uran verseucht, die übelsten Formen von Missbildungen Neugeborener, überall Blindgänger von Streubomben, die nur auf spielende Kinder zu warten scheinen, und neben Euphrat und Tigris ein dritter Strom, ein Strom von Blut in einem zerbrochenen Land, das vielleicht nicht mehr zu kitten ist…

Und dabei war alles eine Lüge…

 

Ich habe kürzlich mit einem Freund und “kundigen” Wissenschaftler darüber diskutiert, dass oder ob die USA überhaupt eine imperiale Strategie pflegen, d.h. mit dem Vorwurf des Imperialismus belastet werden dürften. Er wollte diesen Vorwurf auf die USA nicht angewandt sehen, eher derzeit auf China mit seiner expansiven Politik und Wirtschaftsstrategie z.B. in Asien und Afrika. Die USA würden sich auch bereit zum Rückzug zeigen und auch nicht eine ethnische Festsetzung oder Durchdringung in den einzelnen Ländern anstreben.
Unter Imperialismus versteht man nach der gängigen Definition „jedes Herrschaftsstreben, das den Machtbereich eines Staates auf benachbarte oder fernliegende Gebiete ausdehnen will“. Eine ethnische Fest- oder Durchsetzung ist dabei nicht das bestimmende Kriterium. Imperialismus wurde ehedem mit dem Kolonialismus in eins gesetzt. Die Außenpolitik der USA schien zunächst – neben vorübergehenden eigenen kolonialistischen Bestrebungen – anti-kolonialistisch und sie haben vordergründig den anti-imperialistischen Kampf betrieben. Soweit so gut, aber die geschichtlichen Fakten zeigen doch anderes.
Ich werde meinem Freund, dem völkerkundigen Wissenschaftler, dieses Buch unbedingt anempfehlen und leihen. Er wird in diesem umfangreichen Quellenwerk belegt finden, dass frühere und gegenwärtige US-Politiker gar nicht verschämt vom „amerikanischen Imperium“ und dessen notwendiger weiterer Ausdehnung sprechen.
Es trifft zu insofern, dass sich die USA dort (militärisch) zurückziehen, wenn der Blutzoll an eigenen Leuten zu hoch und ein ökonomisch rechenbarer Sieg in weite Ferne rückt (siehe Vietnam, Irak, Afghanistan). Dennoch bringen es die USA fertig, ihre militärische und wirtschaftliche Präsenz über den Globus weiter auszudehnen. Es gibt heute geschätzt nahezu 1000 Militärstützpunkte der USA verstreut über alle Erdteile; in Asien, im alten und und „neuen“ Europa (nach amerikanischer Definition), direkt vor der Haustüre der Russen oder Chinesen, den einzigen ernsthaften Rivalen unter macht- und geopolitischer Gesichtspunkten.

Das Buch von William Blum bezieht sich vor allem auf die Außenpolitik der USA von 1945 bis zum Ende des Kalten Krieg. Der Abschnitt über „Das amerikanische Imperium 1992 bis heute“ umfasst lediglich 20 von den 790 Seiten, ist aber in seiner Kompaktheit nicht weniger informativ und erschütternd.
Im Anhang findet man eine Tabelle über 200 (!) „Militärische Interventionen der Streitkräfte Vereinigten Staaten von 1798 – 1845“ und ein Auflistung der 37 von der Regierung der Vereinigten Staaten nach 1949 nachweislich initiierten – vergeblichen und erfolgreichen – Attentate gegen „unliebsame“ Staatsmänner anderer Länder.
Da reibt sich der im westlichen Werte- und Sicherheits-Kanon erzogene, angeblich geschichtskundige Leser schon die Augen.

Das wird nicht einmal ein noch besserwissender Journalist, Mitglied der „Antlantik-Brücke“, der „Atlantischen Initiative“ usw., bestreiten können: Überall wo die USA zuletzt oder gegenwärtig angeblich gegen Diktatur und Unterdrückung, für Freiheit und Demokratie intervenierten, blieben oder bleiben „failed states“ zurück:

Kongo und Zentralafrikanische Republik, Haiti etc. seinerzeit – Irak, Jemen, Afghanistan, Pakistan, Somalia, Libyen, Syrien heutzutage.
Und damit wissen wir auch, wem wir die Flutung von Deutschland und Nordeuropa mit Flüchtlingen aus dem Nahen Osten und Teilen Afrikas zu verdanken haben.

 

Killing Hope 2737

http://altmod.de/?p=5377

Über Gerhard Bauer

Sechziger aus dem Südosten Bayerns, gebürtiger Niederbayer. Bayer mit Leib und Seele. Ehemaliger treuer CSU-Wähler. Freizeitbeschäftigung: Lesen, Radeln, Garteln und Fischen. E-Post: bayern71 (at) outlook.com
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