Woanders gelesen: 70 Jahre Krieg gegen Korea

David Swanson

Nachdem am 9. August der Zerstörung Nagasakis und der Ermordung Michal Browns durch die Polizei in Ferguson gedacht wird, steht für die Amerikaner zur Auswahl, wessen sie am 10. August gedenken sollen. Ich neige dazu, den 10. August formell als Golf von Tonkin-Kriegsbetrugstag anzuerkennen. Ganz sicher bin ich mir allerdings nicht, weil es ein anderes Ereignis gibt, das noch mehr der Erinnerung bedarf.

Es war am Tag nach dem tödlichen Schlag gegen Nagasaki vor 70 Jahren, als die Sieger des überwältigendsten Kriegs aller Zeiten beschlossen, eine Trennung Koreas am 38. Breitengrad einzuführen – eine Linie, die sich als heilig herausstellte, als sie später von nordkoreanischen Soldaten überschritten wurde, aber als „imaginär“ abgetan wurde, als Soldaten der Vereinigten Staaten von Amerika sie überschritten, als sie auf dem Weg in den Norden waren.

Der Krieg gegen Korea war im Verhältnis zum Zweiten Weltkrieg das, was die Anthrax-Briefe im Verhältnis zu 9/11 waren – ohne ihn hätte Vernunft eine reale Chance gehabt, der Militarismus hatte drastisch an Bedeutung verloren, bis der Krieg gegen Korea den Vorwand für die Wirtschaft des permanenten imperialen Kriegs schuf, aber kaum jemand erinnert sich auch nur daran, was geschah. Sogar Dean Acheson, der die Sanktionen gegen Japan verhängt hatte, die zu Pearl Harbor führten und dessen Entscheidung es war, einen grauenvollen Krieg gegen Korea zu führen, ist so gut wie unbekannt. Das ist teilweise dadurch bedingt, dass der Krieg mit dem McCarthyismus zusammenfiel, und nur wenige es in dieser Zeit wagten, die Wahrheit über ihn auszusprechen. Und teilweise dadurch, dass die Erinnerung daran in erster Linie Scham und Abscheu mit sich bringt.

Vor dem Krieg gab es die Besetzung des Südens durch die Vereinigten Staaten von Amerika, die Unterdrückung der Linken, die Massaker an den Menschen durch die Vereinigten Staaten von Amerika und Südkorea, darunter das Massaker an 30.000 bis 60.000 Menschen auf der Insel Jeju, wo Südkorea derzeit eine große neue Basis für die Marine der Vereinigten Staaten von Amerika baut. Dann kam die Aggression aus dem Süden, darunter ein Jahr lang Überfälle über den heiligen 38. Breitengrad hinweg, und die vom Süden bekundete Absicht, in den Norden einzumarschieren.

Als der Norden in den Süden einmarschierte, beschuldigten die Vereinigten Staaten von Amerika fälschlicherweise die Sowjetunion und logen eine Koalition der Willigen zusammen, indem sie behaupteten, sie hätten russische Soldaten gefangen. Sobald der General der Vereinigten Staaten von Amerika Douglas McArthur die Gelegenheit dazu bekam, marschierte er mit der Zustimmung Präsident Trumans über den 38. Breitengrad und bis zur chinesischen Grenze. McArthur hatte nach Krieg mit China gelechzt und diesen angedroht, und um die Genehmigung des Angriffs ersucht, die der vereinigte Generalstab verweigerte. Letztendlich feuerte Truman McArthur. Der Angriff auf ein Kraftwerk in Nordkorea, das China versorgte, und die Bombardierung einer Grenzstadt kamen den Wünschen McArthurs am ehesten nahe. Aber die Bedrohung Chinas durch die Vereinigten Staaten von Amerika oder zumindest die Drohung der Vereinigten Staaten von Amerika, Korea zu verteidigen, brachte die Chinesen und Russen in den Krieg.

Im Verlauf dieses Kriegs bombardierten die Vereinigten Staaten von Amerika so gut wie jede Stadt und jeden größeren Ort im Norden und viele im Süden flach – drei Jahre Flächenbombardements ohne Bedenken in Hinblick auf zivile Opfer, und die Bombardierung von Dämmen, um die Bevölkerung zu überfluten und auszuhungern. Dörfer wurden mit Brandbomben und mit Napalm beworfen. Ein Reporter der New York Times beschrieb ein Dorf, in dem alle an Ort und Stelle erstarrt waren, unmittelbar aus dem Leben gerissen wie in Pompei, aber lebendig verbrannt mit Napalm. Wir haben Vietnam als den Napalmkrieg in Erinnerung, aber in Korea war es noch viel ärger. Soldaten der Vereinigten Staaten von Amerika und Südkoreas metzelten auf dem Boden Zivilisten nieder. Der Norden beging auch viele Gewalttaten, aber für die wirklich großen Gräueltaten waren, soweit wir das wissen, die Vereinigten Staaten von Amerika verantwortlich. Die UNO-Konvention gegen Völkermord wurde geschaffen, wärend die Vereinigten Staaten von Amerika voll mit diesem Verbrechen gegen Menschen beschäftigt waren, die die amerikanischen Soldaten so gut wie immer „Gooks“ nannten. Im eigenen Land erfuhr die Öffentlichkeit wenig über den Krieg, brachte es aber immerhin zusammen, ihn zu verachten. Trumans Zustimmungsquoten sanken auf einen Tiefpunkt, der erst von Präsident George W. Bush unterschritten wurde.

Der nie bekannte „vergessene” Krieg kostete Korea zwei Millionen getötete Zivilisten und die Vereinigten Staaten von Amerika 37.000 Soldaten, und verwandelte Seoul und Pyongyang in Trümmerhaufen. Viele der Toten waren kaltblütig aus nächster Entfernung getötet worden, obwohl sie unbewaffnet waren. Die Grenze war noch genau dort, wo sie vor Beginn des Kriegs gewesen war, aber der Hass über diese Grenze hinweg nahm stark zu. Nachdem der Krieg beendet war und für niemanden gutes gebracht hatte außer für die Waffenproduzenten, „tauchten die Menschen auf aus einer maulwurfgleichen Existenz in Tunnels und Höhlen, und fanden einen Alptraum in der Helligkeit des Tages.“

Formell wurde nie Frieden geschlossen. Offiziell dauert der Krieg bis zum jetzigen Zeitpunkt an. Die Vereinigten Staaten von Amerika zogen nie aus dem Süden ab, ließen das Land geteilt wie vor dem Krieg, gaben nie das Kommando über das südkoreanische Militär auf, hörten nie auf, den Norden zu bedrohen und zu provozieren. Die jüngste Grundsatzerklärung des Pentagons führt Nordkorea als eines von vier Ländern auf, das zwar zugegebenermaßen kein Interesse hat, gegen die Vereinigten Staaten von Amerika zu kämpfen, aber nichtsdestotrotz ein „Sicherheitsrisiko“ darstellt.

Die Menschen in Korea brauchen keine „Hilfe” mehr. Genug ist genug. Lasst sie nach 70 Jahren endlich in Ruhe!

http://antikrieg.com/aktuell/2015_08_09_siebzig.htm

Über Gerhard Bauer

Mittsechziger aus dem Südosten Bayerns, gebürtiger Niederbayer. Bayer mit Leib und Seele. Ehemaliger treuer CSU-Wähler, nun wird taktisch entschieden. Freizeitbeschäftigung: Lesen, Radeln, Garteln und Fischen. E-Post: bayern71 (at) outlook.com
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Eine Antwort zu Woanders gelesen: 70 Jahre Krieg gegen Korea

  1. MURAT O. schreibt:

    Hat dies auf D – MARK 2.0 rebloggt.

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