Gastbeitrag: Europa und die Reichsidee

Staat und Reich sind nicht dasselbe. Staaten gibt und gab es viele, Reiche hingegen deutlich weniger. Einen Staat ist in erster Linie mit sich selbst beschäftigt und allenfalls noch mit seinen Nachbarn. Ein Reich hingegen fühlt sich einer übergeordneten Idee und transzendentalen Aufgabe verpflichtet.

Selbstbeschäftigung oder Aufgabe

Erschöpft sich die Politik eines Landes mit der Frage, wer gerade in ihm herrschen soll und wie die Untertanen ruhig zu stellen sind, so handelt es sich dabei um einen kurzatmigen ordinären Staat. Seine Daseinsberechtigung sieht der bloße Staat in der klassischen Aufgabe der Ordnung nach innen und allenfalls noch des Schutzes seiner Bürger nach außen. Die Legitimitätsfrage spielt vergleichsweise eine geringe Rolle, und die Ordnungsgestaltung ist nur ein pragmatisches Problem. Zudem haben es kleinere Länder naturgemäß schwerer, sich größeren Ambitionen zu stellen.

Anders beim Reich: In der Ordnung nach innen und dem Schutz nach außen erschöpfen sich seine Aufgaben nicht. Vielmehr leitet es seine Ordnungsvorstellungen nach innen und außen von einer übergeordneten Idee ab, dem der Reichs-Staat selbst zu dienen hat. Nach innen hat das Reich einen Erziehungscharakter und nach außen eine Gestaltungsaufgabe. Besteht ein solcher Staat einigermaßen dauerhaft, dann wird er zum kulturprägenden Reich. Verfügt es über genügend Territorium und Bewohner, gewinnt es weithin Macht und Ansehen.

Alle historischen Reiche nahmen diese überzeitlichen Aufgaben wahr: Im chinesischen „Reich der Mitte“ etwa galt es, den Weg (Tao) der Erde dem ewigen himmlischen Weg (Tao) anzupassen. Im achämenidisch Perserreich war jedermann, vor allem aber auch die Herrschenden, dazu aufgerufen, im ewigen Kampf zwischen Gut und Böse die Partei der guten Gottheit zu ergreifen. Alexander dem Großen und seinen Diadochen ging es darum, die griechische Zivilisation zu verbreiten. Das römische Reich sah es als seine Aufgabe an, dem Erdkreis Recht, Gesittung und Frieden zu bringen, die pax romana. Das spanische Imperium setzte sich zur Aufgabe, die „Heiden“ und „Ketzer“ zu bekämpfen und das katholische Christentum auszubreiten. Das osmanische Reich steckte sich das Ziel, den Islam auszubreiten und – in späterer Zeit – zu schützen. Im britischen Empire galt es als die Bürde des weißen Mannes, die Zivilisation zu verbreiten und die farbigen Völker anzuleiten. Das sowjetische Imperium empfand es als seine internationalistische Pflicht, die Weltrevolution herbeizuführen. Und das „informal Empire“ der USA sieht es als seine Aufgabe an, Demokratie, Menschenrechte und Marktwirtschaft global zum Sieg zu verhelfen.

Augustinus und das Heilige Reich

Und Europa? Im 4. Jahrhundert setzte sich im Römischen Reich das Christentum durch und wurde zur Staatsreligion. Damit siegte die Religion Christi, nach dessen Wort aber sein Reich nicht von dieser Welt ist. Was soll also ein Christ tun, der auf dieser Welt lebt? Die Antwort gab Aurelius Augustinus (1982): Der Mensch ist Bürger zweier Welten, der irdischen Welt und der göttlichen Welt. Die irdische Welt ist verworfen, böse und imgrunde nichts wert, in ihr regiert die Verwirrung und der Teufel (die deutsche Verballhornung für den griechischen „Diabolus“, den „Durcheinanderwerfer“ der Gedanken, Vorstellungen und Begierden). Das eigentliche Ziel menschlichen Lebens ist die Teilhabe am Reich Gottes, der „civitas Dei“. Damit besteht die Aufgabe des in der irdischen Welt Lebenden, sich schon hier auf die jenseitige Welt vorzubereiten.

Vor allem für die Herrschenden gilt es daher, die irdischen Institutionen und das diesseitige Leben nach den göttlichen Geboten auszurichten und auf diese ihn zu gestalten. Der römische Kulturauftrag wird damit zum universellen christlichen Gestaltungsgebot. Der römische Kaiser wird zum Beauftragten Gottes auf Erden und sein Reich somit zum Heiligen Reich. Im Osten behielt der Kaiser diese Funktion (Cäsaropapismus), im Westen musste er sie im Lauf der Zeit mit dem Papst teilen. Doch an der christlichen Reichsidee änderte sich dadurch nichts.

Die „translatio imperii

Mit dem Untergang des Römischen Reiches im Westen und der Wiederherstellung des weströmischen Kaisertums durch Karl den Großen im Jahre 800 bzw. Otto den Großen im Jahre 962 ging die Reichsidee auf die germanischen Franken und dann die Deutschen über („translatio imperii“ = Übertragung des Reiches). Von nun an war es der Kulturauftrag der Deutschen, als Führer des Heiligen Römischen Reiches (seit dem 15. Jahrhunderts auch ausdrücklich: Deutscher Nation) die civitas Dei auf Erden vorzubereiten. Das erste Deutsche Reich war bedeutend mehr als der Ausfluss irgendeines platten Nationalismus!

Im Osten fühlten sich die Griechen als „Romoi“ oder Römer zur selben Aufgabe berufen. Mit der Eroberung Konstantinopels durch die Türken 1453 übernahm der russische Zar Iwan der Schreckliche die Funktion des oströmischen Kaisers. Moskau wurde zum dritten Rom. Deutsche und Russen waren damit zu Trägern der römisch-christlichen Reichsidee geworden. Nach dem Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation 1806 wurde die alte westliche Reichsidee von Österreich-Ungarn noch bis 1918 weitergetragen, die östliche existierte ungebrochen bis 1917.

Die Aufgaben Europas

Nach den beiden europäischen Bürgerkriegen 1914 bis 1918 und 1939 bis 1945 setzte sich im erschöpften und schon bald seiner überseeischen Kolonien beraubten Europa die Vorstellung der Einigung des Kontinents durch. Ziel war die Verhinderung weiterer europäischer Kriege durch Verflechtung und Versöhnung. Da sich die politische Einigung als äußerst schwierig erwies, strebte man denselben Zweck nach der kapitalistisch-sozialistischen Leitvorstellung, dass ohnehin letztlich alles Wirtschaft sei, ökonomisch an. Kulturpolitik blieb formal Kompetenz der Einzelstaaten, aber beherrscht durch Menschenrechte (vor allem Meinungsfreiheit) und Wettbewerb – überwacht und kontrolliert von den dafür wieder zuständigen europäischen Institutionen.

Als nach 40 Jahren die wirtschaftliche Vereinigung vollendet war, ging man verstärkt die politische Einigung an. Der von den Gründungsvätern der Europäische Union Schumann, de Gaspari und Adenauer (alle drei übrigens vor 1918 noch den monarchischen Mittelmächten dienend) nach wie vor ernst gemeinte Begriff des Abendlandes ist in der materialistisch geprägten Zwischenzeit zu einer höhnisch belächelten Vorstellung geworden. So vermeinte der Sohn des letzten österreichischen Kaisers (Sie wissen, des letzten Trägers des weströmisch-deutschen Reichsgedankens) lange Zeit, dass die europäische Idee die legitime Nachfolgerin der alten Reichsidee wäre (Habsburg 1986). Die reale Entwicklung dieses „Europa“ hat diese Vorstellung aber zur Illusion gemacht.

Die Verabschiedung vom europäischen Geist

Nach den Beschlüssen von Maastricht und Kopenhagen will man ausdrücklich kein „Christenklub“ sein, weshalb in der zukünftigen Verfassung z. B. kein Gottesbezug aufscheinen darf. Selbst die „christlichen“ und „konservativen“ Parteien Europas haben auf ihn nur kurz und pro forma bestanden, wenn überhaupt. An die Stelle einer Reichsidee sind die Grundrechte und die Demokratie getreten. Die Verpflichtung zu ihnen ist alleiniges Aufnahmekriterium für dieses „Europa“, nicht einmal die geographischen Kontinentalgrenzen spielen im Vergleich dazu irgendeine Rolle. Demokratie und Menschenrechte aber stellen keine charismatische Aufgabe dar, sondern orientieren sich am Wohlleben und beschränkten, egoistischen sowie unsteten „Willen“ des „vulgus mobile“, wirken rein nach innen und implizieren auf keinerlei transzendentalen Auftrag. Für ihre Außenwirkung würden Demokratie und Menschenrechte im übrigen des gebrechlichen und mit sich selbst voll beschäftigten Europas gar nicht bedürfen, das besorgen die USA machtvoller.

Wer im alten Kontinent heute von Europa spricht, besonders wenn es ein Berufs-Europäer oder Eurokrat tut, redet von ökonomischen Dingen, allenfalls ergänzt durch einige schwächlich besorgte Phrasen über Grundrechte und Demokratie. Wirkliche Schicksalsfragen werden überhaupt nicht angegangen (z. B. Demographie, Immigration, Weltgeltung, inflationäre Dollarschwemme, Geopolitik, militärischer Verteidigung oder Sicherheitsprobleme), von europäischer Kultur, Vaterländern, Rechten der Nationen oder gar transzendentalen Aufgaben ganz zu schweigen. Die europäische Begeisterung von anno dazumal ist einer bitteren Enttäuschung gewichen. Ohne charismatische Idee geht eben jeder Schwung verloren.

Die institutionellen Schwächen

Was Vilfredo Pareto (1962) feststellte, dass nämlich jede Herrschaft eine Herrschaft einer Minderheit, Elite oder Oligarchie darstellt, gilt selbstverständlich ebenso für die Europäische Union und lässt sich hier auch gut beobachten. Damit könnte man leben, wenn diese europäische „Elite“ der Eurokraten und Europapolitiker nur über eine selbsttragende transzendentale Idee verfügte, über eine „Reichsidee“. Doch gerade davon will sie nichts wissen und verdammt damit das vereinigte Europa zur Impotenz. Eine Oligarchie, sie sich dadurch ochlokratisch (wörtlich „pöbelherrschaftlich“) legitimieren lässt, dass ihre Fraktionen in jeder Wahl demagogisch versprechen, „wenn du mich wählst, dann tue ich dir dieses und jenes Gute“, befördert zwar die Korruption von oben, ist aber unfähig, wirkliche Probleme zu lösen. Ernsthafte Aufgaben in einer vernetzten Welt sind nämlich langfristig (Vester 1978) und überspringen mehrere Wahlperioden, lassen sich aber nicht durch die Befriedigung wechselnder Erwartungen und Ansprüche der breiten Masse in den Griff bekommen. Wessen Überleben von der Erfüllung kurzfristiger Versprechen abhängt, wie das von zur Wiederwahl genötigten Politikern, kann – und darf mitunter sogar – nicht langfristig denken und handeln.

Leitende Ideen haben den Vorzug, in allen Wechselfällen des Geschicks eine Richtschnur zu bieten und eine grundsätzliche Ausrichtung zu garantieren. Für die Parteipolitik wären dies die Parteiprogramme und „Plattformen“, für die Staatskunst ist dies die grundlegende und überzeitliche „Reichsidee“. Wer es für „modern“ hält, nur materialistische Kriterien zu berücksichtigen und auf ihre kurzatmigen Wechselfälle zu reagieren, verliert die Zukunft. Ein bloßes Prozedere zur Organisation von Herrschaft, nämlich die Demokratie, ersetzt keine Hochziele. Die Prozedur mag einigen Wert haben oder auch nicht, sie verblasst aber völlig gegenüber der Aufgabe zur irdischen Vorbereitung der civitas Dei und zur Gestaltung der Welt nach abendländischem Wertekanon. Geradezu lächerlich wird es, von „Europa“ zu schwärmen, aber seine traditionellen Wurzeln nicht nur zu vergessen, sondern sogar bewusst abzulehnen. Vielleicht mag es nicht nötig erscheinen, wieder einen christlichen römischen Kaiser zu installieren, nur ohne Reichsidee hat Europa, nachdem es seine Vergangenheit (nicht nur aus eigener Schuld, sondern auch durch kräftige Mitwirkung außereuropäischer Mächte) verloren hat, schon gar keine Zukunft. Eine zweite Renaissance tut Not, die der europäischen Reichsidee!

Literaturnachweis

Aurelius AUGUSTINUS: De civitate Dei (dt. „Über den Gottesstaat“). Übersetzt von Wilhelm THIMME. 2. Auflage, Deutscher Taschenbuchverlag, München 1982.

Otto von HABSBURG: Die Reichsidee. Geschichte und Zukunft einer übernationalen Ordnung. Amalthea Verlag, Wien 1986.

Vilfredo PARETO: System der allgemeinen Soziologie. Einleitung, Texte und Anmerkungen von Gottfried EISERMANN. Enke Verlag, Stuttgart 1962.

Frederic VESTER: Unsere Welt – ein vernetztes System. Eine internationale Wanderausstellung. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 1978.

(Genius 4/2005)

Text von Dr. Wolfgang Caspart

Über Gerhard Bauer

Sechziger aus dem Südosten Bayerns, gebürtiger Niederbayer. Bayer mit Leib und Seele. Ehemaliger treuer CSU-Wähler. Freizeitbeschäftigung: Lesen, Radeln, Garteln und Fischen. E-Post: bayern71 (at) outlook.com
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2 Antworten zu Gastbeitrag: Europa und die Reichsidee

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  2. Suum Cuique schreibt:

    „Staat und Reich sind nicht dasselbe.“

    – So bildeten die „Königlich Preußischen Staaten“ DAS Königreich Preußen.

    „In der Ordnung nach innen und dem Schutz nach außen erschöpfen sich seine Aufgaben nicht. Vielmehr leitet es seine Ordnungsvorstellungen nach innen und außen von einer übergeordneten Idee ab, dem der Reichs-Staat selbst zu dienen hat.“

    – Die übergeordnete Idee, manifestiert in einem allgemeinen Rechts- und Sozialempfinden. Das ist nicht nur ein staatsrechtliches Konstrukt – das ist gleichzeitig immer wieder Ausdruck einer Kultur.

    „Mit der Eroberung Konstantinopels durch die Türken 1453 übernahm der russische Zar Iwan der Schreckliche die Funktion des oströmischen Kaisers. Moskau wurde zum dritten Rom. Deutsche und Russen waren damit zu Trägern der römisch-christlichen Reichsidee geworden.“

    – Bindeglied zwischen Byzanz und Moskau ist Sofia Palaiologa (ca. 1448-1503), Nichte Kaiser Konstantin IX., Überlebende des türkischen Massakers am Byzantinischen Kaiserhaus, 1453, und zweite Gemahlin Iwan III., Großfürsten von Moskau:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Sofia_Palaiologa

    Mit dieser Urahnin des Russischen Reiches verbunden, war auch der stets erhobene Anspruch Rußlands auf die „türkischen Meerengen“, also auf Konstantinopel.
    In der Julikrise 1914 machte der französische Botschafter Maurice Paléologue (man beachte die Namenskoinzidenz) das Angebot der Überlassung der Türkischen Meerengen an Rußland als Preis für den Kriegseintritt. Ein Angebot, das der bis dahin glücklose Zar Nikolaus II. nicht ablehnen konnte – Befreier, Wiedererrichter und Herr von Byzanz zu sein; unter seiner Krone das zweite und dritte Rom zu vereinen…

    (Maurice Paléologue, „Am Zarenhofe während des Weltkrieges“ 3 Bände 1922, deutsch 1925)

    „Geradezu lächerlich wird es, von „Europa“ zu schwärmen, aber seine traditionellen Wurzeln nicht nur zu vergessen, sondern sogar bewusst abzulehnen.“

    – Ja, so ist es!

    Tu felix Austria! Es wäre schön, im protestantischen deutschen Norden auch einmal ein freies Wort in Sachen angewandter Ideologiekritik zu vernehmen. Danke, Herr Bauer, für das Einstellen dieses Aufsatzes von Herrn Dr. Wolfgang Caspart auf Ihrer Seite.

    S.C.

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