Woanders gelesen: Spurensuche

Spurensuche

Vorgeschichte


Auf dem Dachboden des Häuschens meiner verstorbenen Schwiegermutter fanden wir diese Kiste. In ihr „durfte“ damals – 1946 – der Großvater gemäß den Vorgaben der tschechischen Vertreiber seine Habseligkeiten verstauen und dann im Viehwaggon in die neue Heimat bringen.
Auch für meine Eltern und Großeltern galt damals der

Aufruf zur „Aussiedlung“

Personen, welche für den Abtransport bestimmt sind, haben ihre Wohnung in vollster Ordnung zu verlassen.

Gepäck wird für eine Person zugelassen:

1 Gepäckstück von 60 kg und Handgepäck von höchstens 10 kg.

Die übrigen Sachen sind in der Wohnung an Ort und Stelle zu lassen, z.b. Vorhänge, Teppiche, Tischlampen, Wandspiegel, Waschschüsseln, Teile der Einrichtung, Tischdecken, 2 Handtücher, in Betten Matratzen, Bettlaken und mindestens je ein Kopfkissen und Zudeckbett, alles frisch bezogen.

Das Gepäck darf nicht in Teppiche oder Überzüge gepackt werden.

Wird bei Kontrolle festgestellt, daß dies nicht beachtet wurde, wird die betreffende Person nicht in den Transport aufgenommen, sondern ins Inland auf Arbeit geschickt.

Okresni spravni komise, Kraslice

Was war eigentlich die „rechtliche“ Grundlage für die „Aussiedlung“ tschech.: „odsun“, wie es damals euphemistisch formuliert wurde? 

… Das Eigentum staatlich unverläßlicher Personen auf dem Gebiete der tschechoslowakischen Republik wird gemäß der weiteren Bestimmung dieses Dekretes unter nationale Verwaltung gestellt.

Als staatlich unverläßliche Personen sind anzusehen:

1. Personen deutscher oder magyarischer Nationalität…

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Mit augenblicklicher Wirksamkeit und entschädigungslos wird für die Zwecke der Bodenreform das landwirtschaftliche Vermögen enteignet, das im Eigentum steht:

a) aller Personen deutscher und magyarischer Nationalität, ohne Rücksicht auf die Staatsangehörigkeit,…

Von dem durch den nationalen Bodenfonds verwalteten landwirtschaftlichen Vermögen ist Boden an Personen slawischer Nationalität als Eigentum zuzuteilen….

So lauteten die Kernsätze der sog. Benes-Dekrete, welche nach tschechischer – und auch nach EU-Auffassung – noch heute Gültigkeit haben.

Wer würde nicht heute ein solches Dokument als „rassistisch“ und Völkerrechts- widrig bezeichnen.
Mit den Benes-Dekreten war für fast 3 Millionen Deutsche in der damaligen Tschechoslowakei das Schicksal besiegelt.

Über 700 Jahre hatten Deutsche in Böhmen, Mähren und Österr. Schlesien mit Tschechen zusammen gelebt, das Land kultiviert, eine blühende Wirtschaft aufgebaut und Kunst und Kultur zu höchster Blüte gebracht. Dass es auf einmal kein gedeihliches Zusammenleben mehr geben könnte, zeichnete sich schon im 19. Jahrhundert mit dem Aufkommen eines aggressiven Nationalismus ab.
Für die Vorgeschichte meiner persönlichen Spurensuche will ich hier zunächst in einem übergreifenden Sinne einen tschechischen Autor zitieren. Seine Ansichten konnte er zum Zeitpunkt der Veröffentlichung – etwa 1980 – nur anonym kundgeben.

Von Böhmen, dem Zweivölkerland*

Warum gehören Müglitz und Liboch, nicht aber Nachod und Taus zum Grenzland? Weil der Begriff »Grenzland« in dem Sinne, den er nach dem letzten Krieg bekommen hat, nicht von der Nähe zur Staatsgrenze definiert werden kann, sondern von etwas ganz anderem. Er deckt sich nämlich mit dem Gebiet deutscher Besiedlung, die sich über Jahrhunderte hinweg herausgebildet, gefestigt und erhalten hat, bis zum Jahre 1945. Wie die damalige nationale Verteilung aussah, daran erinnern sich heute nur noch Angehörige der älteren Generation. Rufen wir uns das ins Gedächtnis zurück, indem wir in die Masaryk-Enzyklopädie schauen, Teil I (erschienen 1925), Stichwort »Tschechoslowakei (Einwohnerstatistik)«, Seite 1057 ff. Die tschechisch-deutsche Sprachgrenze verlief―vom Inland aus gesehen ― hinter Taus, Stankau (Stankov),v Pilsen (Plzen), Manetin (Manetin), Tschistay (Cistä), Laun (Louny), Trebnitz flrebenice), Raudnitz (Roudnice) und Melnik(Melnfk) zum Bösig (Bezdez) und Jeschken (Jested), von dort um Eisenbrod (Zelezny Brod) herum und Königinhof (Dvür Krälove) nach Nachod, über das Adler-Gebirge (Orlicke hory), dann hinter Hohenstadt (Zäbfeh), Olmütz, Leipnik (Lipnfk), Mährisch Weißkirchen (Hranice) und Friedberg (Pfibor) nach Troppau (Opava). Im Süden hatten Neuern (Nyrsko), Winterberg (Vimperk), Prachatitz (Prachatice), Böhmisch Krummau (Cesky Krumlov), Zlabings (Slavonice), Znaim (Znojmo), Auspitz (Hustopece) und Feldsberg (Valtice) deutsche Mehrheiten. Inmitten des deutschen Sprachgebiets gab es die volkreiche Insel Brüx-Dux (Most-Duchov), in dem die Tschechen dreißig bis fünfzig Prozent der Bevölkerung stellten, demgegenüber breitete sich innerhalb des tschechischen Gebiets die deutsche Insel Zwittau-Landskron (Svitavy-Lanskroun), Iglau (jihlava) und einige weitere kleinere Gebiete aus. Eine bedeutende deutsche Minderheit hatten Brunn (Brno) und Olmütz. Zusammengefaßt bildeten die Deutschen ein Drittel der Bevölkerung Böhmens und ein Viertel derjenigen Mährens. Schon diese flüchtige Betrachtung läßt erkennen, daß die böhmischen Länder die Heimat zweier Nationen waren. Die tschechischen Nationalisten bestritten den böhmischen Deutschen ihre Heimatrechte, indem sie sie als Zuwanderer ausgaben. Diese Ansicht kann man ehrlicherweise, glaube ich, nicht aufrechterhalten. Schon in den Anfängen des böhmischen Staates wirkten hier Deutsche, nicht sehr zahlreich zwar, aber als Angehörige bedeutsamer Berufe. In der kulturell-zivilisatorischen und politischen Entwicklung hatten die deutschen Länder vor den böhmischen einige Jahrhunderte Vorsprung. Deshalb waren die, die von dorther kamen, für unsere Vorfahren Vertreter des Westens und Vermittler seiner Kultur. Sie haben Verdienst daran, daß wir zu einem Bestandteil Europas wurden. Sie verbreiteten das Christentum bei uns, und das keineswegs mit Feuer und Schwert wie im Elbegebiet. Auch die irisch-schottische Mission und die byzantinische haben hier gewirkt, doch die deutsche war am ausdauerndsten. Seit dem zwölften Jahrhundert kamen die Deutschen zuhauf hierher, und zwar auf Einladung der Regenten und feudalen Magnaten. Ihnen wurden Gebiete zugeteilt, die niemand bewohnte. Sie wurden zu hiesigen Untergebenen und taten das, was sie konnten. Während zweier Generationen gründeten sie viele Städte, die zur wirtschaftlichen Grundlage der Machthaber wurden. Der Pfemysliden-Staat ist im neunten Jahrhundert entstanden, doch auch schon vorher wirkten Deutsche hier bedeutsam mit. Wenn nun Jemand heute, gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, erklärt, Deutsche hätten sich am Aufbau des böhmischen Staates fast von Anfang an beteiligt fällt es sehr schwer, dagegen etwas einzuwenden.

Der sprichwörtliche deutsche »Drang nach Osten«, das war nicht nur das Eindringen von Eroberern, die Waffe in der Hand. Es war auch die Expansion verfeinerter Kultur und Zivilisation in weniger entwickelte Gebiete. Der tschechische Nationalismus des neunzehnten Jahrhunderts wollte dann die unterschiedlichsten Widersprüche (z. B. den Widerspruch zwischen dem absolutistischen Herrscher und den Ständen) als einen ethnischen Konflikt auslegen. Dabei hatte bis zur Zeit der Aufklärung der deutsche Einfluß eine natürliche Assimilation durch die fortgeschrittenere Kultur bewirkt. Das ganze Mittelalter hindurch war er im übrigen erheblich gedämpft von der Hegemonie der universalen westchristlichen Kultur mit dem Lateinischen als Sprache der Verhandlungen, der Literatur und des Gottesdienstes. Auch in alten Zeiten gab es Deutsche, die auf unsere Vorfahren von oben herabsahen (wie wohl bis vor kurzem viele Tschechen auf die Slowaken) und ihr Selbstbewußtsein verletzt haben. Doch gab es auch Deutsche, die sich die »slawische« Sprache zu eigen machten und ihre Kräfte dem böhmischen Staat und der böhmischen Nation zur Vefügung stellten, wie z. B. der erste Prager Bischof Detmar. Die Kenntnis des Deutschen wurde unter gebildeten Tschechen für selbstverständlich gehalten. Eine gewisse tschechisch-deutsche Spannung hat es wohl ständig gegeben, ihr Grund waren jedoch bei weitem nicht jedesmal nationale Motive, besonders nicht in der Form, die erst das neunzehnte Jahrhundert entwickelt hat, sondern soziale (Adel gegen Städte), dogmatisch-religiöse (Wyclif-Anhänger gegen die allgemeine Kirche) und dynastisch-politische (Ansprüche des böhmischen Herrschers auf die Reichskrone). Blutvergießen war die Ausnahme; z. B. zur Zeit der Hussiten. Die Ursachen der Hussitenbewegung jedoch waren vielfältig; unter anderem ging es auch um einen Aufstand des barbarischen Radikalismus gegen die ausgearbeitetere kulturelle Form, eventuell um die Revolte einer jungen, aufmüpfigen Gemeinschaft gegen das vom Verfall ergriffene »Establishment«. Jahrhundertelang jedoch lebten hier die beiden Völker nebeneinander, miteinander und durcheinander. Viele Tschechen wurden deutsch ebenso wie viele Deutsche tschechisch wurden (deutsche Nachnamen sind bei uns etwas ganz Gewöhnliches). Es wurde sogar an einer Synthese gearbeitet, deren Resultante Böhmen im Sinne »Bohemia«\Nax. Zweimal war dieses Bemühen von Erfolg gekrönt: in Gotik und Barock. Zu ihrem künstlerischen Erbe bekennen wir uns gern. Es waren nicht gerade idyllische Zeiten, doch arbeiteten in ihnen Tschechen und Deutsche an einem gemeinsamen Werk, bei dem die nationalen Unterschiede eine untergeordnete Rolle spielten. Der Schattenseiten des Barock und seiner staatsrechtlichen Folgen wird in Böhmen immer noch mit Bitterkeit gedacht, trotzdem rollen auf dem Altstädter Ring im Jahre 1621 die Köpfe von Tschechen und Deutschen; Künstler beider Nationalitäten bauen und schmücken Kirchen im Inland wie im Grenzland und komponieren Kirchenmusik; gegen die Herrschaftswillkür bäumen sich tschechische und deutsche Bauern gemeinsam auf.

Gotik und Barock waren sehr zerbrechliche Synthesen und es war nicht ratsam, sie zu bedrohen. Soweit sie zerschlagen wurden, machten sich darum jedesmal Kräfte verdient, die Europa im ganzen erschütterten. Als erstes war es die Krise, die dem Mittelalter ein Ende setzte und deren etwas spätere Konsequenz die Reformationen Luthers und Calvins waren. Zum zweiten war es der Umsturz im Namen der aufklärerischen Vernunft. Es war die Morgendämmerung der Zeit, die wir schon die »Moderne« nennen. Ihre Errungenschaft ist auch der neuzeitliche Nationalismus, der mit seinen totalen und totalitären Ansprüchen, die er an jeden einzelnen stellt, zu einem Religionsersatz wird.

Der Nationalismus war eine deutsche Sünde genauso wie eine tschechische. Mit seinem Aufkommen verliert der Versuch der Synthese »Bohemia« an festem, von beiden Nationen der böhmischen Länder geteilten Boden. Im Jahre 1848 standen sie sich zum ersten Mal als Feinde gegenüber. Die Deutschen zögerten, den Anspruch der Tschechen, Nation in vollem Wortsinn zu werden, anzuerkennen, und die Tschechen begannen das Recht der böhmischen Deutschen zu bestreiten, die böhmischen Länder als ihre Heimat zu betrachten. Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts blieben die Beziehungen beider Völker in einer Sackgasse stecken, aus der es ―wie es beiden schien ― keinen Ausweg gab. Beide fingen an, ihnen günstige Umstände auszunutzen, wie sie das politische Klima Europas gerade schuf. Die böhmischen Deutschen begannen sich unglücklicherweise nach dem Wilhelminischen Deutschland umzuschauen und die Tschechen unglücklicherweise nach Rußland und Frankreich. Dann kam der Erste Weltkrieg. Solange den Mittelmächten das Glück günstig gesonnen war, schmiedeten die böhmischen Deutschen Pläne, wie sie es nach einem siegreichen Krieg einrichten wollten, damit die Tschechen sie nicht mehr beunruhigten. Es kam anders ― und die Tschechen haben das dann »ihren« Deutschen heimgezahlt. Dieses Schema sollte sich im nächsten Krieg und nach ihm wiederholen, allerdings in gespenstischerer Form…

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* Verlorene Geschichte – Das heutige Sudetenland, Köln 1985

http://altmod.de/?p=3118

Über Gerhard Bauer

Sechziger aus dem Südosten Bayerns, gebürtiger Niederbayer. Bayer mit Leib und Seele. Ehemaliger treuer CSU-Wähler. Freizeitbeschäftigung: Lesen, Radeln, Garteln und Fischen. E-Post: bayern71 (at) outlook.com
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