Kulturen enden durch Selbstmord

Buchauszug:

„…Da es die Sieger, trotz heftigem Verlangen danach, schließlich doch nach dem ersten Weltkrieg versäumt hatten, die Generale samt dem Kaiser der Besiegten vor ihr strenges Gericht zu stel­len, um ihnen alle Schuld aufzubürden und aus dieser Schuld ihre neuen Rechte abzuleiten, glaubten sie, daß ganz allein diese, in ihren Augen törichte Unterlassung, und nicht die Härten des würgenden Vertrages von Versailles, an dem Ausbruch des zwei­ten Krieges schuld seien; dieses Krieges, vor dem gerade die Ge­nerale der Deutschen am eindringlichsten gewarnt, da sie die furchtbaren Folgen einer Niederlage erlebt hatten. Die bedin­gungslose Kapitulation gab den Siegern die Möglichkeit, die Heerführer der Deutschen und der Japaner gerade in dem Augen­blick aufzuhängen und in die Kerker zu werfen, in dem sie selbst gezwungen waren, ihr Schicksal solchen Männern ihres Volkes anzuvertrauen. Denn in Zeiten der Not und in den Stunden der Entscheidung sind Offiziere nicht ordengeschmückte Gecken, sondern sie sind jene Männer, von denen das Schicksal des Staa­tes, des Volkes und die Zukunft des Landes abhängt.

Zuerst rotteten die Russen unter dem Schweigen der Welt und der Dynastien das ganze „große Responsorium“, das Geschlecht der Romanow, und mit der Dynastie den Adel und das Bürger­tum aus.

Dann versuchte Hitler bei den Juden das gleiche, was die Rus­sen mit ihrer Oberschichte getan hatten, und er wiederholte die­sen Vorgang, allerdings in viel kleinerem Umfang, bei der Ober­schichte der Polen und Tschechen. Als die Russen dann nach Mit­teleuropa vordrangen, setzten sie ihr Beginnen in Bulgarien, Ru­mänien, Ungarn, Polen und in der Tschechoslowakei fort. Die Vereinten Nationen nahmen die gleiche Operation am deutschen Volke vor, im Osten gründlicher, im Westen mehr nach wirt­schaftlichen Gesichtspunkten.

Was sich die Völker in ihrem blinden Wahn nicht selbst an­getan haben, das besorgen sie mit teuflischer Sicherheit bei ihren Nachbarn und Gegnern. Sie erinnern an die Gefangenen von Landsberg, über die sich die zum Tode verurteilten Männer in den roten Jacken (eine Farbfilmidee aus Hollywood!) ärgern, weil jene, an denen das Schicksal mit dem Strick noch einmal vorbei­gegangen ist, Karten klopfen und singen, während sich die andern auf den Tod vorbereiten müssen.

Wie die Geschichte der Völker sich entwickeln wird, wenn die letzten Reste jener abendländischen Oberschichte ausgerottet sein werden, das haben wir beim Zusammenstoß Hitlers mit seinen Generalen, das haben wir in der Kriegsführung der Partisanen und des Ostens gesehen. Und wenn der englische Historiker Arnold J. Toynbee findet, daß man sich mit der Vernichtung des unruhigen Ostdeutschtums abfinden müsse, weil dadurch wieder Ruhe in die europäische Geschichte kommen werde, so kann man ihm nur antworten, daß seine Gedankengänge die gleichen sind wie jene, die die Russen bis tief hinein nach Deutschland geführt haben. Und da es nur eine einzige, unteilbare abendländische Geschichte gibt, wird ein Volk das andere nach sich in den Abgrund reißen, und die Frage wird dann vor unsern Augen gelöst sein: auf welche Art eine Kultur endet. Die Kulturen enden fast alle durch Selbstmord.

Noch in den Stunden der elendesten Not hatten die Deutschen gehofft, daß man sie an der Ostgrenze stehen und das Abendland verteidigen lassen werde! Man hat diesen Drang, auf dem ihre ganze Geschichte beruhte – und man wird es ja sehen, auch die Geschichte des Abendlandes -, als Auswuchs der Goebbels’schen Propaganda angesehen.

Man will dies wiederholen. Man will dies endgültig werden lassen. Man findet, daß die Westdeutschen sich nicht von den Dänen, den Holländern oder den Belgiern unterscheiden. Von den Ostdeutschen komme alle Unruhe!

Richtig. Aber dann darf man als Ostdeutsche nicht nur die verhaßten Preußen ansehen, dann stellen sich mit den Preußen in eine ostdeutsche Reihe die Österreicher und ihr großes zusammen­gebrochenes, geräumtes und zerstörtes Vorfeld.

Und dann wird man sagen müssen, daß diese Unruhe auch nicht von den Ostdeutschen kam, sondern daß diese nur von ihr erfaßt wurden, als noch weiter aus dem Osten her die große Brandung heranschäumte. Es handelt sich hier nicht um Schuld oder Unschuld, es geht um die Ausrottung von Menschen, bei denen es gar nicht darauf ankommt, wo sie politisch stehen, son­dern darauf, daß sie das vertreten, was in Europa durch Jahr­hunderte für groß und gut galt.“

Bruno Brehm, Am Rande des Abgrunds, Leopold Stocker Verlag

Über Gerhard Bauer

Sechziger aus dem Südosten Bayerns, gebürtiger Niederbayer. Bayer mit Leib und Seele. Ehemaliger treuer CSU-Wähler. Freizeitbeschäftigung: Lesen, Radeln, Garteln und Fischen. E-Post: bayern71 (at) outlook.com
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Eine Antwort zu Kulturen enden durch Selbstmord

  1. Lützower Jäger schreibt:

    „Ich glaube und bekenne; dass ein Volk nichts höher zu achten hat, als die Würde und Freiheit seines Daseins; daß es diese mit dem letzten Blutstropfen verteidigen soll; dass es keine heiligere Pflicht zu erfüllen, keinem höheren Gesetz zu gehorchen hat; daß der Schandfleck einer feigen Unterwerfung nie zu verwischen ist; dass dieser Gifttropfen in dem Blute eines Volkes in die Nachkommenschaft übergeht und die Kraft später Geschlechter lähmen und untergraben wird. Stolz auf unsere großen Männer dürfen wir nur sein, solange sie sich unserer nicht zu schämen brauchen“ Carl von Clausewitz 1812

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