Woanders gelesen: Überläufer zur Rechten

Überläufer zur Rechten

von Frieder Veröffentlicht am 21. Januar 2012

In seinem Essay über Botho Strauß schrieb Armin Mohler 1993: „Die Überläufer zur Rechten hin mehren sich….“ Er fragt aber, ob es sich um Trittbrettfahrer handelt oder aber um  Charaktere einem Arnold Winkelried entsprechend, der sich einst in der Schlacht ein Bündel Lanzen in seine Brust drückte, um eine Lücke in die feindlichen Linien  zu reißen.

Winkelried

In der Tat waren die Jahre 1991 bis 1995 publizistisch für den Suchenden in der konservativen Sache verheißungsvoll. Der Fall der Mauer und die Entsorgung des real existierenden Sozialismus erweckten den Anschein, dass bereits eine derartige Bresche in die „feindlichen Linien“ gerissen ist, dass es nur ein Frage der Zeit ist, bis der ganze aufgeblähte linke Popanz in Publizistik, Kultur, Bildung, Tages- und Programmpolitik – die kulturelle Hegemonie der Linken – zusammenbrechen müsste.
Journalisten und Autoren wie Rainer Zitelmann, Heimo Schwilk und Ulrich Schacht übernahmen einflussreiche Posten im Springer- und Ullstein-Verlag. Diese drei zeichneten auch als Herausgeber und Autoren für den Sammelband „Selbstbewußte Nation“ (1994) verantwortlich. Der zentrale Text war „Anschwellender Bocksgesang“ von Bodo Strauß.
Mitautor Karlheinz Weissmann hatte schon vor dem Erscheinen des Buches in der FAZ-Serie „What´s right“ triumphal verkündet, die neue Rechte bilde das „erste Meinungslager des wiedervereinigten Deutschlands“.
Als Nebenbemerkung dazu sei angeführt, dass der damalige CDU-Fraktionschef Wolfgang Schäuble darin eine „intellektuelle Anmaßung“ sah, die „dem moralischen Alleinvertretungsanspruch der alten Linken in nichts nach stehe“!

1991 war bei Siedler der Essay von Brigitte Seebacher-Brandt „Die Linke und die Einheit“ erschienen. Die Ehefrau von Willy Brandt rechnete hier unter dem Erlebnis der deutschen Wiedervereinigung und des gerade zurückliegenden ersten Golfkrieges schonungslos mit der linken bundesrepublikanische Elite ab. Der Psychopath und frühere Außenminister Joschka Fischer durfte damals im Spiegel eine mit Sottisen gespickte Polemik gegen Frau Brandt loslassen.

Zu den Autoren in „Selbstbewußte Nation“ gehört ein weiterer linker Renegat: Klaus Rainer Röhl, vormals Herausgeber der kommunistischen Postille „Konkret“.
Im selben Jahr wie Seebacher-Brandts Essay erschien Arnulf Barings Buch „Deutschland, was nun?“. Baring ebenfalls ein „Abgefallener“, der bekannt hatte, dass er vormals ein linksliberaler „Jalta boy“ war, der sich in der Bundesrepublik Deutschland in „jenem bequemen Zustand letztendlicher Verantwortungslosigkeit“ eingerichtet hatte, bis ihn der Fall der Mauer die Augen öffnete. Mohler sieht Arnulf Baring nicht als Trittbrettfahrer, eher als einen Winkelried.

Bodo Strauß wird von Mohler als der „sensationellste Überläufer“ bezeichnet, der die heftigste Bresche schlug. Der Spiegel räumte 1993 dem Dramatiker Bodo Strauß sechs volle Seiten zur Veröffentlichung seines politischen Bekenntnisses mit dem mysteriösen Titel „Anschwellender Bocksgesang“ ein. Von Peter Glotz, dem damaligen Chefideologen der SPD, (Gramsci-) Apologet einer linken kulturellen Hegemonie, kam daraufhin der alarmistische Ausruf: „Notiert euch den Tag, Freunde, es war die Spiegel-Ausgabe vom 8. Februar 1993. Es wird ernst.“
Es wurde nicht “ernst” für die linken „Hegemonialisten“ – wie unschwer an der nachfolgenden Entwicklung bis heute zu erkennen ist.
Caspar Schrenck-Notzing berichtet in seinem Aufsatz „Der Nachkriegskonservatismus in der Bundesrepublik Deutschland“ von mehreren „konservative Niederlagen“: 1945, 1960, 1979 und 1995.

Wie 1979 machte auch 1995 kein anderer als Helmut Kohl der konservativen Sache ein Ende, wie Caspar von Schrenck-Notzing feststellte. Zum 50. Jahrestag des Kriegsendes sollte am 8. Mai 1995 eine Großkundgebung „Gegen das Vergessen“ – organisiert von dieser neuen Demokratischen Rechten – veranstaltet werden. Alfred Dregger sollte als Spitzenredner auftreten. Helmut Kohl kam im rechten Moment von seiner Abspeck-Kur aus Österreich zurück, um dessen Auftritt zu verhindern.
Aber nicht nur Kohl war es, der vorher und nachher mit manchen Entscheidungen und Einwirkungen die neue Bewegung kastrierte und zu deren Bedeutungsschwund beitrug.
Schrenck-Notzing führt diese Niederlagen auf die Uneinigkeit und Pluralität im rechten Lager und auf das Versagen der konservativen Publizistik zurück.

Manche Autoren aus der „Selbstbewußten Nation“ melden sich hin und wieder und sind redend und schreibend gegenwärtig und prominent: Michael Wolffsohn, Rüdiger Safranski, Ernst Nolte, Klaus Rainer Röhl und auch Peter Gauweiler. Aber von einer neuen konservativen Partei oder Bewegung (noch?) keine Spur.

Den „Anschwellenden Bocksgesang“ halte ich für einen Schlüsseltext, der heute, fast 20 Jahre nach seinem Erscheinen, aktueller denn je anmutet.

Die Medien:

„Ich sehe zwischen einem Schau-Gespräch und einem Schau-Prozeß nur graduelle Unterschiede in der Vorführung von Denunzierten. Wer sich bei einer privaten Unterhaltung von Millionen Unbeteiligter begaffen läßt, verletzt die Würde und das Wunder des Zwiegesprächs, der Rede von Angesicht zu Angesicht und sollte mit einem lebenslangen Entzug der Intimsphäre bestraft werden.

Das Regime der telekratischen Öffentlichkeit ist die unblutigste Gewaltherrschaft und zugleich der umfassendste Totalitarismus der Geschichte. Es braucht keine Köpfe rollen zu lassen, es macht sie überflüssig. Es kennt keine Untertanen und keine Feinde. Es kennt nur Mitwirkende, Systemkonforme. Folglich merkt niemand mehr, daß die Macht des Einverständnisses ihn mißbraucht, ausbeutet, bis zur Menschenunkenntlichkeit verstümmelt.

Werte:

Die Hypokrisie der öffentlichen Moral, die jederzeit tolerierte (wo nicht betrieben): die Verhöhnung des Eros, die Verhöhnung des Soldaten, die Verhöhnung von Kirche, Tradition und Autorität, sie darf sich nicht wundern, wenn ihre Worte in der Not kein Gewicht mehr haben. Aber in wessen Hand, in wessen Mund die Macht und das Sagen, die Schlimmeres von uns abwenden?
Es scheint undenkbar, daß jemand in den Verhältnissen, in denen er lebt, die letzte und beste Erfüllung des gesellschaftlich möglichen Zusammenlebens erfährt. Wer vermöchte schon der Apologie der Schwebe, des Gerade-eben-Noch einen glaubwürdigen Ausdruck zu verleihen?

Und:

Intellektuelle sind freundlich zum Fremden, nicht um des Fremden willen, sondern weil sie grimmig sind gegen das Unsere und alles begrüßen, was es zerstört – wo solche Gemütsverkehrung ruchbar wird, und in Latenz geschieht dies vielerorts, scheint sie geradezu bereit und begierig, einzurasten mit einer rechten Perversion, der brutalen Affirmation.

Seltsam, wie man sich “links” nennen kann, da links von alters her als Synonym für das Fehlgehende gilt. Man heftet sich also ein Zeichen des Verhexten und Verkehrten an, weil man, voller Aufklärungshochmut, seine Politik auf den Beweis der Machtlosigkeit von magischen Ordnungsvorstellungen begründet.
Rechts zu sein, nicht aus billiger Überzeugung, aus gemeinen Absichten, sondern von ganzem Wesen, das ist, die Übermacht einer Erinnerung zu erleben, die den Menschen ergreift, weniger den Staatsbürger, die ihn vereinsamt und erschüttert inmitten der modernen, aufgeklärten Verhältnisse, in denen er sein gewöhnliches Leben führt. Diese Durchdrungenheit bedarf nicht der abscheulichen und lächerlichen Maskerade einer hündischen Nachahmung, des Griffs in den Secondhandshop der Unheilsgeschichte.

Der gesamte Text hier: http://altmod.de/?page_id=40

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Verweise:

Brigitte Seebacher-Brandt: „Die Linke und die Einheit“, Siedler-Corso 1991

Heimo Schwilk, Ulrich Schacht: Die selbstbewußte Nation”, Ullstein 1994

Armin Mohler: “Der Streifzug – Blicke auf Bilder und Menschen”, Edition Antaios 2001

Caspar von Schrenck-Notzing: “Konservative Publizistik”, Förderstiftung Konservative Bildung und Forschung 2011

Über Gerhard Bauer

Sechziger aus dem Südosten Bayerns, gebürtiger Niederbayer. Bayer mit Leib und Seele. Ehemaliger treuer CSU-Wähler. Freizeitbeschäftigung: Lesen, Radeln, Garteln und Fischen. E-Post: bayern71 (at) outlook.com
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