30. August 1939: Zwei Tage vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges

Mittwoch, der 30. August          Zwei Tage vor dem Kriegsausbruch:

Morgens um 4 Uhr erhält Henderson aus London die Weisung, der Deutschen Reichsregierung mitzuteilen, daß man nicht damit rechne, binnen 24 Stunden einen bevollmächtigten Unterhändler aus Warschau nach Berlin zu bekommen. Die Warnung, daß an diesem „letzten“ Tag kein Pole kommen werde, gibt Henderson weder an Außenminister von Ribbentrop noch an Hitler weiter.

Den ganzen Morgen erarbeitet eine Gruppe von Diplomaten und Juristen nach Hitlers Weisungen und Görings Vorschlägen das neue Verhandlungsangebot an die polnische Regierung. Hitler hat die früheren deutschen Wünsche aus der Zeit seiner demokratischen Vorgängerregierungen weit zurückgefahren. Ost-Oberschlesien und die Provinz Posen sind endgültig abgeschrieben. Auch in Bezug auf Westpreußen und den Korridor hat er die Forderungen, die er noch vor vier Tagen gegenüber Henderson geäußert hat, wieder reduziert. Hitler will offensichtlich die Briten mit einem sehr moderaten Vorschlag überzeugen, so daß die guten Gewissens die Polen zu einem Entgegenkommen drängen können. Die Auflistung der deutschen Wünsche und Angebote umfaßt 16 Punkte. Dazu gehören:

– Danzig kehrt heim ins Reich.

– Im nördlichen Korridor soll die Bevölkerung in einer Abstimmung selbst entscheiden, ob as Gebiet polnisch oder deutsch wird.

– Die Hafenstadt Gdingen bleibt dabei auf jeden Fall polnisch.

– Je nach Abstimmungsergebnis im Korridor erhält entweder Deutschland exterritoriale Verkehrswege nach Ostpreußen oder Polen exterritoriale Verkehrswege nach Gdingen.

– Die Beschwerden der deutschen Minderheit in Polen und die der polnischen Minderheit in eutschland werden einer internationalen Kommission untersucht. Beide Nationen zahlen Entschädigungen an betroffene Geschädigte nach Maßgabe der Kommission.

– Im Falle einer Vereinbarung nach diesen Vorschlägen demobilisieren Polen und Deutschland sofort ihre Streitkräfte.

Der Vertragsvorschlag wahrt das Selbstbestimmungsrecht der betroffenen polnischen, kaschubischen und deutschen Bevölkerungsanteile in einer zeitgemäßen Weise. Aber so neuzeitlich und demokratisch die vorgeschlagene Regelung auch ist, für den Vielvölkerstaat Polen mit seinen nicht integrierten Minderheiten birgt sie eine ungeheure Sprengkraft. Die ukrainische, die weißrussische und die tschechische Minderheit könnten dem deutschen Beispiel später folgen und das von ihnen ungeliebte Polen ebenfalls mit regionalen Volksabstimmungen verlassen wollen.

Der 30. August vergeht, ohne daß ein polnischer Unterhändler in Berlin erscheint, um den neuen Verhandlungsvorschlag Hitlers in Empfang zu nehmen. Statt dessen berichtet die deutsche Botschaft in Warschau, daß seit morgens in ganz Polen die Generalmobilmachung bekanntgegeben wird. Als auch am Nachmittag noch niemand aus Warschau angekündigt wird, schwindet Hitlers Hoffnung. Er verschiebt den bisher auf den 31. August festgelegten Beginn des Angriffs gegen Polen noch einmal um 24 Stunden. Die dritte Verschiebung unmittelbar vor Kriegsbeginn. Hitler räumt sich damit selber eine weitere Chance ein, ohne Blutvergießen zum Erfolg zu kommen. Für ihn ist ein Krieg, zwei Tage bevor er ihn eröffnet, offensichtlich noch immer nur der schlechtere von zwei Lösungswegen.

In Warschau ist die polnische Regierung derweil nach wie vor der Überzeugung, daß Hitler blufft und selber in der Klemme steckt. Man hält die letzte Drohung Hitlers, am 26. August in Polen einzumarschieren, nachträglich für ein mißglücktes Einschüchterungsmanöver, dem nun ein weiteres folgen wird. Außenminister Beck glaubt, man müsse das nur mit guten Nerven aussitzen. Er ist entschlossen, niemand nach Berlin zu entsenden.

Um 19.00 Uhr schickt Halifax ein Telegramm nach Warschau. Er weist Kennard an, Beck zu informieren, daß die deutsche Seite die englischen Vorschläge zu direkten deutsch-polnischen Verhandlungen und zur Fünf-Mächte-Garantie angenommen und versichert hat, Deutschland werde die vitalen Interessen Polens respektieren. Doch von den neuen 16 Punkten Hitlers, die er zum Teil schon von Dahlerus kennt, wird kein Sterbenswort erwähnt. Chamberlain versucht ganz offensichtlich, Hitlers Zeitreserve zu verbrauchen.

Gegen Abend wird auch für die deutsche Seite sichtbar, daß Außenminister Halifax die ganze Frist, die Hitler für eine Friedens- und Verhandlungslösung offenläßt, hat verstreichen lassen, ohne daß er Polen drängt, sofort Gespräche mit den Deutschen aufzunehmen. Um 18.50 Uhr schickt er Henderson in Berlin die Weisung, der deutschen Reichsregierung „nahezulegen, den polnischen Botschafter einzuladen, die neuen deutschen Vorschläge entgegenzunehmen und nach Warschau weiterzuleiten“. Halifax unterläuft Hitlers Forderung nach einer sofortigen Aufnahme von Verhandlungen, indem er schreibt, er habe der polnischen Regierung nicht raten können, einen polnischer Unterhändler mit Vollmachten zur Entgegennahme der deutschen Vorschlage zu entsenden. Das Unterlaufen ist perfekt, weil Halifax den Brief so spät auf die Reise schickt, daß Hitlers Termin für den Beginn der deutsch-polnischen Gespräche bei Ankunft schon verstrichen ist. So ist der 30. August zum Kräftemessen zwischen Chamberlain und Hitler geworden, statt zum Ringen um den Frieden.

http://www.vorkriegsgeschichte.de/content/view/31/47/

Dieser Text ist eine Kurzfassung des mit weiteren Einzelheiten über die französischen und italienischen Beiträge zu den Verhandlungen und dem amerikanischen Anteil an der Eskalation ausgeführten und mit Quellenangaben versehenen Textes (Seiten 487-532) in dem Buch 1939 – Der Krieg der viele Väter hatte

Über Gerhard Bauer

Sechziger aus dem Südosten Bayerns, gebürtiger Niederbayer. Bayer mit Leib und Seele. Ehemaliger treuer CSU-Wähler. Freizeitbeschäftigung: Lesen, Radeln, Garteln und Fischen. E-Post: bayern71 (at) outlook.com
Dieser Beitrag wurde unter Deutschland, Geschichte abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.