Woanders gelesen: Totenstarre

Totenstarre (25.5.2011)

Steigen wir nun bis 2020 aus? Oder bis 2022? Was spricht gegen 2037? Hat die „Ethik-Kommission“ die Antwort? Oder die Kommission für Reaktorsicherheit? Jedenfalls hat sich die Bundeskanzlerin eindeutig entschieden, daß wir über Kernkraft in Deutschland reden müssen. Großartig, nicht wahr? Hier wird kraftvoll regiert, oder? Oder? Entschieden ist bis jetzt gar nichts, abgesehen von dem aus dem Ärmel geschüttelten Moratorium, ein paar Kraftwerke für drei Monate vom Netz zu nehmen.

Gibt es sonst noch ein Thema? Ja, Griechenland, Portugal, Irland – die Euro-Wackelkandidaten, die unendlich viel Geld benötigen, das dort einfach verdampft. Wissen Sie, was die Bundeskanzlerin zu diesem Thema gesagt hat? Nein? Nun, es waren zwei weltbewegende Dinge: Zum einen, daß Staaten, die eine gemeinsame Währung haben, sich keine unterschiedlichen Urlaubsregelungen leisten können. Zum anderen, daß „wir“ mehr arbeiten sollen, um den in Not geratenen Staaten mehr zu helfen. Die Kanzlerin vertritt also ein entschiedenes „sowohl – als auch“.

Und weiter? Dann wird es schon etwas schwierig, Themen zu finden, mit denen sich Berlin befaßt. Manchmal fühle ich mich beim Verfassen des Tageskommentars wie ein Kamel, das in der Wüste verzweifelt nach einer Oase sucht. Guttenberg ist schließlich nicht wirklich Politik, sondern eine Straftat, die bei gewöhnlichen Menschen „Betrug“ genannt wird. Und Strauss-Kahn ist nicht wirklich eine Straftat, auch wenn er das Zimmermädchen wirklich vergewaltigt haben mag, sondern Politik gegen den Euro. Aber es ist keine deutsche Politik.

In Berlin ist Totenstarre eingekehrt. Die CDU als noch immer mitgliederstärkste Partei hat sich erfolgreich von jeglichen herausragenden Köpfen befreit. Intelligente und kreative Menschen, die es rein statistisch noch geben sollte, sind dank Merkel in der Unsichtbarkeit der vierten Reihe verschwunden, politisch ist die Äintschie-Partei nur noch untere Kreisklasse. Die bayerische Schwester wird unablässig geseehofert, alles, was die CSU derzeit unternimmt, erfolgt mit dem starren Blick auf die Landtagswahlen 2013. Für die Garantie, da wieder die absolute Mehrheit zu erringen, würde die CSU alles und jeden opfern, von Prinzipien und Kompetenzen bis hin zur eigenen Seele und Personen. Die CSU ist bis 2013 unverrückbar für den Atomausstieg 2020 oder 2022, es sei denn, Umfragen ergeben, daß die Wahlbevölkerung mittlerweile anderer Ansicht ist.

Kommen wir zur SPD, der Partei der alten Köpfe und der überholten Ansichten. Die haben ihren Gabriel, dessen Erfolgsbilanz ihn als großen Parteiführer ausweist: Er hat als Ministerpräsident die Wahlen in Niedersachsen verloren, war als Umweltminister mit Mutti Eisberge und Eisbären gucken und ist kostenträchtig mit der Bundeswehr von Mallorca nach Berlin und wieder zurück geflogen. Dann gibt es die verbrauchten Ex-Vorsitzenden Beck und Platzeck, die Aussteiger Müntefering und Schröder, sowie… Lassen Sie mich nachdenken… Wie heißt sie gleich, mit den langen wirren Haaren? Ach ja, Andrea Nahles. Mit dem, was diese Dame alles nicht kann, wäre ein Müntefering erst gar nicht Generalsekretär geworden. Der konnte die damals noch recht lebendige Opposition zu Paaren treiben, während Nahles es nicht einmal schafft, in Richtung der träge herumdösenden Regierung zu schießen.

Was ist mit den Grünen? Die sind derzeit auf gut Denglisch die „In-Partei“. Warum weiß keiner so recht, denn getan haben sie dafür nichts. Die Partei der Lehrer und Besserverdienenden wird von linken Journalisten hochgeschrieben, sie strahlt mit Fukushima um die Wette. Die Grünen sind eine Partei, die zum Wohlstand dieses Landes ungefähr soviel beiträgt, wie ein veritabler Bierbauch zum Erringen einer olympischen Goldmedaille im Hundertmeterlauf. Solange man sich diesen antrinkt, ist er höchst angenehm, auf der Rennstrecke jedoch lästig, wirklich lästig. Wir können uns die Grünen derzeit leisten, aber seien wir ehrlich, es ist keine Partei für eine auskömmliche Zukunft. Das liegt nicht nur an den Köpfen von gestern, in denen die Ideologie von Vorvorgestern steckt. Gewendete Altkommunisten wie Trittin oder Kretschmann müssen ideologisch erst mal die 150 Jahre seit Karl Marx aufholen. Ein Maßanzug macht aus einem „Joschka“ Fischer eben nur einen Steinewerfer im Maßanzug und zwei Ehrendoktortitel aus Israel sind trotz allem kein Hauptschulabschluß. Was einen Freiherr zu Guttenberg als Person ausmacht, sind die Grünen als Partei: Ein paar Äußerlichkeiten, die auf bestimmte Leute attraktiv wirken (wobei ich nicht das Aussehen von Frau Roth meine), forsches Auftreten zu populären Themen, doch sobald an der Oberfläche gekratzt wird, verpufft die Kompetenz wie ein gewisser Doktortitel und aus dem gerade noch schönen Schein wird ein mühsam zurechtgestückeltes Dosenpfand. Unterm Strich kommt eine Wunst-Partei heraus, gemäß dem alten Spruch, daß Kunst von Können kommt – und das, was das Auge beleidigt, vom talentfreien Wollen.

Können wenigstens die Linken etwas bewirken? Ich kann mich an eine alte Karikatur erinnern, da startete ein Flugzeug und beide Flügel haben sich vom Rumpf abgetrennt. Damals ging es um die bayerische SPD, auf dem Weg in die Bonner Parteizentrale. Bei den Linken als Bundespartei müßte man bei diesem Flugzeug noch das Leitwerk abspalten und das Cockpit. Jedenfalls gibt es in dieser Parteil langsam so viele Flügel wie bekanntere Köpfe. Theoretisch könnte ein Lafontaine die Zukunftsängste der Bürger in linke Thesen fassen, wenn eine Wagenknecht nicht daraus einen erneuerten Marxismus-Leninismus konstruieren wollte. Gysi laviert bestens mit allem, was gegen die etablierte Politik ist, ohne wirkliche Alternativen aufzuzeigen. Wer gerade die Stalinisten aus der Alt-SED vertritt, ist noch nicht heraus, jedenfalls sind es nicht die beiden Parteivorsitzenden. Zwar wäre die sich abzeichnende Notlage in diesem Land ein guter Zeitpunkt für linke Politik, aber die Partei ist gerade damit beschäftigt, sich untereinander zünftige Schlägereien zu liefern.

Dann wären da noch die Letzten, oder besser, die Hinterletzten von der FDP. Ja, die gibt es noch, und die haben tatsächlich noch ein paar Dienstwagen behalten. Westerwelle – erinnern Sie sich noch an den Namen? Der war mal Außenminister… Ach nein, der IST noch Außenminister, ehrlich! Wenn der also davon spricht, Gaddafi zu bombardieren oder Geld nach Ägypten zu schicken, dann sind das keine Stammtisch-Strategien, dann ist das, auch wenn man es nicht glauben will, echte Politik. Zum Glück sagt Westerwelle in den letzten Wochen recht wenig außerhalb von FDP-internen Veranstaltungen. Jedenfalls stellt die FDP derzeit noch den Vizekanzler und der heißt im Moment Rösler. Nachdem wir diesem Herrn die übliche 400-Tage-Schonfrist als Gesundheitsminister gewährt haben, bekommt er jetzt eine 400-Tage-Schonfrist als Wirtschaftsminister und dann ist sowieso Wahlkampf und wir brauchen ihn nicht mehr ernst zu nehmen. Ich weiß nicht, ob Sie es mir glauben wollen, aber es gibt tatsächlich noch FDP-Politik. Sie zielt darauf ab, in künftigen Wahlen zuverlässig fast drei Prozent zu bekommen.

Bei diesem großartigen Personal kommt in Berlin leider nichts mehr heraus. Die Herrschaften befinden sich in gemeinsamer Totenstarre. Die Ideen aus der Hauptstadt werden im Augenblick von den Journalisten formuliert, leider nicht von den leidlich fachkundigen der Wirtschaftsblätter, sondern vom Boulevard. BILD-Zeitungs-Minister Guttenberg hat gehorcht; was immer in diesem Hetzblatt abgedruckt wurde, hat er getreulich ausgeführt. Nach diesem Vorbild überlassen die Damen und Herren Politiker den Systemhuren aus dem Blätterdschungel die Denkarbeit.

Was dabei herauskommt? Ich habe es im Tageskommentar geschildert und möchte es hier zitieren:

Kai Diekmann – ein besonders systemtreuer Journalist als Chefredakteur von Friede Springers „BILD“, der natürlich ganz fest an den Holocaust™ glaubt – hat eine eigene dumme Idee: einen Marshallplan für Griechenland. Wir verlagern Industrie und Arbeitsplätze nach dort und schon schaffen die Griechen ein Wirtschaftswunder. Vermutlich dank türkischer Gastarbeiter, wie damals in der BRD. Da waren die Türken so gut, daß die ersten, die ab 1961 hereingekommen sind, die ganzen fünfziger Jahre hindurch Deutschland aufgebaut haben. Wenn wir also 2011 viele Türken nach Griechenland schaffen, dann haben die ab 1999 ein Wirtschaftswunder und alles wird gut.

Vielleicht sollte ich noch ein paar Worte über den Marshall-Plan sagen: Der hatte ein Volumen von 16,2 Milliarden Dollar, wobei auf die BRD davon nicht einmal ein Zehntel, nämlich 1,5 Milliarden entfielen, die über vier Jahre verteilt gezahlt wurden. Dieser Betrag – der von Deutschland vollständig zurückbezahlt wurde – entsprach damals 42,86 Millionen Unzen Gold, die heute etwa 46,2 Milliarden Euro wert wären. Die bisher zugesagten 110 Milliarden aus dem Rettungsfonds an Griechenland sind also bereits das Zweieinhalbfache dessen, was damals in der BRD für das Wirtschaftswunder nötig gewesen war. Mit den zusätzlichen 60 Milliarden hätte Griechenland also vier Marshallpläne aufgebraucht, und das bei einem Land von etwa einem Fünftel der Größe der BRD von 1949. Beziehen wir das ein, hat Griechenland dann das ZWANZIGFACHE bekommen. Die Zahlen sind frei zugänglich, für die Berechnung genügt ein Taschenrechner. Es würde also nicht einmal Politiker oder einen systemhörigen Journalisten überfordern, das nachzuvollziehen. Aber ich gebe zu, „Marshall-Plan“ klingt ganz toll. Das Wort verwenden Politiker ohne nachzudenken, und die Journaille, ohne zu recherchieren.

Aber vielleicht liegt es an der Vorbereitung, denn die anderen Empfänger der Marshall-Plan-Gelder haben damit ebenfalls kein Wirtschaftswunder zuwege gebracht. Die korrekte Vorbereitung sähe so aus: Ein Fünftel der Griechen ermorden, jede halbwegs erkennbare Stadt in Trümmer bombardieren, die Hälfte des Landes an Mazedonier und Bulgaren abtreten und alle Griechen als mittellose Flüchtlinge in dem verbliebenen Rest zusammenpferchen. Klingt bösartig, meinen Sie? Wieso? Bei Deutschland hat das wunderbar geklappt!

In jedem anderen Land würde sich bei einer solchen Situation eine aktive Opposition bilden, die nationale Interessen vertritt. Veranlassung dafür gäbe es genug, die BRD verschenkt schließlich Unmengen Geld, das die Deutschen hart erarbeitet haben. In diesem Land wird zudem sehr viel Geld an eine unübersichtliche Bürokratie verschwendet, deren Auswüchse dem Volk nicht mehr zu vermitteln sind. In diesem Land werden Familien systematisch zerstört, immer größeren Teile der angestammten Bevölkerung wird in die neue Form der Leibeigenschaft gedrängt, die heute Hartz IV genannt wird. Wie sollte man sonst ein Vorgehen beschreiben, bei dem Menschen der Stolz auf die eigene Arbeit genommen wird, bei dem sie zu Almosenempfängern degradiert und als solche gegängelt werden? Fordern und fördern? Gefordert werden „Eigenbemühungen“, also Bewerbungen auf Stellen, bei denen jeder mit gesundem Menschenverstand weiß, daß diese Bewerbungen einer Lotterie gleichen und zumeist im Papierkorb landen. Oder es werden Stellen zugewiesen, die bestenfalls Feigenblattfunktion haben, „Ein-Euro-Jobs“, welche die Abhängigkeit vertiefen statt daraus zu befreien. Fördern bedeutet oft genug unsinnige Weiterbildungsmaßnahmen, die dem Abhängigen ermöglichen, in einem weiteren Beruf arbeitslos zu sein.

In jedem anderen Land, aber nicht in Vierzonesien. Hier wurde dem Volk die Unmündigkeit gezielt eingeimpft, wir könnten ja wieder den Fehler begehen und einen neuen Adolf Hitler an die Macht kommen lassen. Aus diesem Grund ist ein Mann, der vor 66 Jahren gestorben ist, im Fernsehen präsenter als jeder lebende Politiker. Der „Kampf gegen Rechts“, bei dem Vollpfostenheim „bunt statt braun“ ist, wurde verinnerlicht. Wir dürfen ja nicht, der „Mann auf der Straße“ hat Angst davor, eine eigene Meinung zu haben. Weite Teile des Volkes trauen sich nicht mehr, deutsch zu sein; allerhöchstens noch, wenn ein paar Millionäre auf eine Lederkugel eintrampeln, werden die Fahnen herausgeholt.

Es gibt diese rechten Parteien durchaus, gleich haufenweise, in den Ausgaben klein bis winzig, die zumeist erfolglos darum kämpfen, in die Parlamente einzuziehen. Sollten sie es doch einmal schaffen, haben sie sofort eine Volksfront der „Demokraten“ gegen sich, die ihre geistige Inkompetenz, sich mit abweichenden Ideen auseinanderzusetzen, durch Intoleranz und Ignoranz ersetzen. Wenn man NPD wählt und das auch zugibt, erntet man entsetzte Blicke. Und bei telephonischen Unfragen merkt man die Schrecksekunde der Befragerin.

Die Totenstarre hat auf diese Weise den größten Teil der Bevölkerung erfaßt. Lieber resignieren und gar nicht wählen, als die Schmuddelkinder. In Bremen waren es 46% der Wähler, die lieber zu Hause geblieben sind. Bremen hat unter der SPD die höchste Verschuldung und das schlechteste Schulsystem aufgebaut, trotzdem sind gute 20% der Wähler zombiegleich zur Wahlurne getappt und haben wieder SPD gewählt. Das unterscheidet diese Wähler nicht von jenen der Grünen, der CDU und der Linken. Erst dann, an fünfter Stelle, folgte eine Partei, die nicht aus der Berliner Leichenkammer stammt. Die FDP ist so schlecht geworden, daß nicht einmal die Zombies sich aufraffen können, dort anzukreuzen.

Wir alle kennen aus diversen Hollywood-Produktionen den tyrannischen König, der nur zu seinem Vergnügen lebt und die Staatsgeschäfte unfähigen und verbrecherischen Beratern überläßt. Die Totenstarre, die wir heute in Berlin erleben, setzt dieses Filmklischee in die Realität um. Der ganze Verein, Bundesregierung und Bundestag, benimmt sich wie jener halbdebile Schattenmonarch, der nicht nur keine eigenen Ideen hat, sondern, wie Merkel, auch noch unfähig wäre, sie auszudrücken. Berater – modern ausgedrückt Lobbyisten – reden dieser Witzfigur ein, was sie zu befehlen und welche Gesetze sie zu erlassen hat, führen den angeblichen König kurz auf den Thron, damit er das dem Volk verkündet, und anschließend wieder zur Orgie, um sich von diesen schweren Pflichten auszuruhen.

Die Herrschaften in Berlin sind nur an zwei Dingen wirklich interessiert: An ihrer Wiederwahl, damit das beschwingte, arbeitsfreie Leben noch lange weitergeht, und daran, daß der Euro vor dem Dollar untergeht. Warum? Weil dann ihre Piloten noch bereit sind, sie gegen grüne Krätze vor dem eigenen Volk in Sicherheit zu bringen, wenn dieses die Paläste stürmt und den oberdemokratischen Volksvertretern die Dankesorden überreichen möchte!

http://www2.q-x.ch/~michaelw/Pranger/Pranger.html

Über Gerhard Bauer

Sechziger aus dem Südosten Bayerns, gebürtiger Niederbayer. Bayer mit Leib und Seele. Ehemaliger treuer CSU-Wähler. Freizeitbeschäftigung: Lesen, Radeln, Garteln und Fischen. E-Post: bayern71 (at) outlook.com
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3 Antworten zu Woanders gelesen: Totenstarre

  1. Dirk schreibt:

    Gysi laviert bestens mit allem, was gegen die etablierte Politik ist, ohne wirkliche Alternativen aufzuzeigen.

    Wer macht es besser?

    Welche „wirklichen Alternativen“ werden denn aufgezeigt?
    Was für ein konkretes alternatives Bild entwerfen denn die ganzen politischen Blogger?
    Von links wird gerne mal was „entglast“.
    Von rechts wünscht man sich „Repartiierung“.

    Wow.

    Glücklicherweise interessiert das aber, wie man an der Wahlbeteiligung erkennt, einen toten Hund – ausser man wird gerade selbst von ein paar Vermummten linken oder offen auftretenden Glatzen vermöbelt.

    Nur das eine Vision fehlt, das merken alle.

  2. Kersti schreibt:

    Das hier ist ein Anfang, letzten Sonntag haben wir uns gegründet, es muss frische Luft in die Politik, das ist alles. Quer durch alle Parteien sind die Parteisoldaten miteinander vernetzt und verfilzt, stasibehaftet, erpressbar.

    http://www.cfu-deutschland.de/

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